ÜBERSICHT

Gemeinden Übersicht Gebäudearten Funktion Gebäude an Strassen Volltextsuche Zeitraum

GEBÄUDEARTEN

Alters- und Pflegeheime Bahnhöfe Bauernhäuser Brunnen Bürgerhäuser Burganlagen Denkmäler Fabrikgebäude Gaststätten Berghütten Gewerbebetriebe Kulturstätten Militäranlagen Öffentliche Gebäude Plätze Sakralbauten Schulhäuser Spitäler Sportanlagen Verkehrsanlagen

ABGEGANGENE BAUTEN

Gemeinden Übersicht Gebäudearten Übersicht

Das Urner Bauernhaus

Die Küche des alten Urner Bauernhauses

Der Eingang ins alte Urner Bauernhaus befand sich beidseitig meist seitlich, war etwas rückwärts verschoben und führte in der Regel direkt in die Küche. Diese war ein dunkler, rauchiger Raum, der vom Boden bis unter das Gebälk des Daches reichte und nahm die ganze Hinterseite des Hauses in Anspruch. Hier wurde nicht nur für die grosse Familie, sondern auch für das Vieh gekocht, hier wurden die landwirtschaftlichen Produkte verarbeitet, und hier fand die grosse Wäsche statt. Als möglicher Brandherd war die Küche ebenso gefürchtet und besass niemals die Stellung eines Wohn- und Aufenthaltsraumes. Die Rückwand der Küche war, je nach Lage des Hauses im Gelände, meist fast ganz in den Berg eingegraben. Der Küchenboden bestand aus rohen Steinplatten.

In einer Ecke an der Rückwand befand sich die Herdstatt, eine halbrunde Feuerstelle. Neben dieser Feuergrube stand der Turner, ein senkrechter, drehbarer Holzbalken mit Träger, an den das schwere, kupferne «Wellchessi» angehängt wurde; es konnte so bequem über das Feuer und wieder davon weggedreht werden. Diese urtümliche Einrichtung fand sich bis Ende des 20. Jahrhunderts auf den Alpen, wo Käse hergestellt wurde.
Erst später wurden steinerne und eiserne Kochherde neben die Feuerstelle gestellt. Anfänglich waren es aus Bruchsteinen gemauerte Herde, deren Gemäuer oftmals von Blechen mit Löchern für die Kochtöpfe abgedeckt wurden. Hinter dem Herd über Kopfhöhe befand sich eine aus der Mauer vorkragende Steinplatte, der sogenannte «Flammä-Schtei». Dieser fing die aus dem Feuer aufwirbelnden Funken ab und hinderte sie daran, bis hinauf in die hölzernen Dachschindeln zu steigen und dort einen Brand zu verursachen. Später waren mehrlöcherige, eiserne Herde mit Häfen und Deckeln, grossen Wasserschiffen, Bratöfen und Feuerlöchern üblich.
Die ganze Küche war ein finsterer, düsterer und rauchgeschwärzter Raum und hatte meist nur kleine keine Fenster. Nur durch die offene Tür fiel spärliche Helligkeit, und eine an einem russigen Balken auf gehängte Petroleumlampe, «äs Schteiöl-Luschi», verbreitete ein trübes Licht.
Solange das offene Feuer üblich war, ruhte in diesem Raume ständig der Qualm und Rauch, der hinauf zur «Rüäss-Tili» stieg, sich nur langsam durch die Öffnungen in der Hausmauer verflüchtigte und mühsam durch die Spalten zwischen den Holzschindeln des Daches entwich. Kamine bürgerten sich – im Gegensatz zum Bürgerhaus – in den Urner Bauernhäusern erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, vor allem bei Neubauten, langsam ein. Vielfach hatte man in den alten Häusern über der Küche eine Decke eingezogen, so dass ein Estrich entstanden ist.

Die Küche hatte weder Bänke noch Stühle. Ihre Ausstattung mit Gerätschaften oder gar Mobiliar war äusserst bescheiden. Was nicht zum Kochen oder zur Herstellung von Käse benötigt wurde, hatte in der Küche nichts zu suchen. Geschirr kannte man im einfachen Bauernhaushalt kaum. In Küchen ohne Kamin stand höchstens ein kleiner Schrank aus einfachem Tannenholz. Schüttsteine leiteten das Abwasser durch die Mauer ins Freie.
Die Kochgeschirre wurden früher entweder auf einem verrussten Dreifuss, einem eisernen Gestell mit drei Beinen, über das Feuer gestellt, oder aber an einer Eisenkette, der sogenannten «Heli», darüber gehängt. Es waren meistens innen verzinnte Kupferpfannen oder mit halbrunden Henkeln versehene Kupferkessel. Die Pfannen wurden nach Gebrauch an Leisten gehängt, die an der Wand befestigt waren («Pfannälager»).
Ein eigener Berufsstand, die Kesselflicker, nahm sich der beschädigten und löcherig gewordenen Töpfe und Pfannen an und versah sie mit aufgenieteten Flicken. Auch eherne Töpfe mit drei Füssen aus einem Gusse waren als Kochgeschirre üblich. Sie wurden ebenfalls «Dryfüäss» genannt. Man stellte sie direkt in die Glut.
Die Feuerstelle war nicht nur Mittelpunkt der Küche, sondern des ganzen Hauses, denn es unterschied die Behausung des Menschen von jener der Tiere und es ermöglichte dem Menschen erst das Leben. Im Urner Landbuch stellt der eigene Herd eine rechtliche Qualifikation für Personen dar, «die eigen Licht und Feuer unterhalten».

An den beissenden Rauch hatte sich der Bergler gewöhnt und er hatte gelernt diesen zu nutzen. An langen Querstangen, die über die dicken, zur Hauskonstruktion gehörigen Trägerbalken gelegt waren, hingen unter dem Dache seit der letzten «Metzgetä» an eisernen Haken die Fleischvorräte, das köstliche Rauchfleisch, das ein ganzes Jahr lang, bis zum nächsten Herbst oder Winter, hinhalten musste.
Oftmals war ein Teil der Küche des alten Urner Hauses zu einer Art Vorratskammer abgetrennt. Sie hiess je nach Landesgegend «Schpycher» oder «Schtöckli».

Das Feuer barg jedoch auch Gefahren und hatte etwas Unheimliches an sich. Nebst der Gefahr, dass das offene Feuer oder die Gluten einen Hausbrand verursachen konnten, waren Feuer und die schwarze Küche auch mit abergläubische Vorstellungen verbunden. Nie sollte man beide Türen, die links und rechts vom Freien her in die Küche führten, gegeneinander offenlassen. Nie sollte man allein am Herde sitzen. Der Unvorsichtige büsste seinen Leichtsinn mit einer fieberhaften Krankheit oder einem hochgeschwollenen Kopfe. Die schwangere Frau sollte nicht ins Feuer schauen, sonst würde sie ein Kind mit Feuermal oder rotem Haar gebären.

Mit dem Einbau geschlossener Herdstellen, die direkt mit dem Kamin verbunden waren, und später durch die Elektroherde wurde die nun rauchfreie Küche auch als Wohnraum benützt.

Literatur: Iten Karl, Stadler Emil; «Heli, Turner und Dryfuäss»; Zeitungsserie «Rings um ds Ürner Chuchigänterli», in: GP Nr. 48, 29.11.1969; Furrer Benno, Die Bauernhäuser des Kantons Uri, Basel 1985, S. 208 ff.

-------------------------

Die Stube des alten Urner Bauernhauses

Die Stube war der geheizte Wohnraum, dessen ältestes und wichtigstes Element der Stubenofen war. Die Stube war Mehrzweckraum und diente als Wohn-, Schlaf-, Ess- und Arbeitsraum. Ausserdem führte man seit jeher Gäste in die Stube und pflegte hier Geselligkeit mit Nachbarn, Verwandten und dem Bekanntenkreis und feierte Feste.
Wohl erst zwischen der Mitte des 16. und des beginnenden 17. Jahrhunderts hat die Stube im Bauernahus ihre traditonelle Ordnung gefunden. Beim Stubeneingang mit Weihwassergeschirr am Türpfosten, an der küchenseitigen Wand, standen einerseits das eingebaute Büffet mit Anrichte und Waschkasten, andererseits der Ofen an der Trennwand zur Nebenstube. Quer gegenüber dem Ofen befand sich die Kultecke (Herrgottsinkel) mit Kruzifix, Rosenkranz und Andachtsgegenständen (vor allem Bruder Klaus und Maria). Hier steht auch der Tisch, auf zwei Seiten mit wandfesten Bänken. Die beiden anderen Tischseiten sind von Stabellen umgeben. Der Stubentisch stand im stärksten Licht der giebel- und traufseitigen Fenster. Hier konzentrierte sich das häusliche Leben, wo die ganze Familie die Mahlzeiten einnahm und Gebete verrichtete.
Fast in jeder Bauernstube fand man das Hochzeitsfoto des Elternpaares, allenfalls auch der verheirateten Kinder. Diese Abbildungen standen normalerweise auf dem Büffet. Daneben war es Brauch, kleine Bildchen verstorbener Verwandter oder bekannter Personen, die sogenannten «Läidbildli» in den Rahmen aufgehängter Bilder oder in Büffettürchen einzustecken. An der Trennwand von Stube und Nebenstube befand sich die freihängende oder in einem Kasten eingebaute Uhr.
In den Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg hat die Wohnkultur im Urner Bauernhaus grundlegende Veränderungen erfahren. Die Elektrifizierung mit den Glühbirnen ersetzte die Karbid- und Petrollampen. Die Andachtsbilder, Öldrucke vom Herzen Jesu und Mariae sowie Kreuzigungsdarstellungen sanken zu Wandschmuck herab und wurden durch neuzeitliche aktuelle Bilder und Gegenstände verdrängt (Diplome, Schützenkränze, Kalenderbilder, Reisesouvenirs).
Die einzige Stelle, die in keiner Weise vom Grundriss her eine Vorbestimmung erfahren hatte, war die Ecke schräg gegenüber dem Büffet, zwischen der Türe zur Nebenstube und der Aussenwand. Entsprechend unterschiedlich war ihre Nutzung. Früher mögen dort beweglicher Hausrat (Truhe) oder Arbeitsgeräte (Spinnrad) gestanden haben. Später stellte man auch etwa ein Schreibpult (Sekretär) oder ein Ruhebett («Kanabee») in diesen Winkel, oder aber er blieb leer.

Literatur: Furrer Benno, Die Bauernhäuser des Kantons Uri, Basel 1985, S. 219 ff.

-------------------------

 
BAUERNHÄUSER IN URI

Das Urner Bauernhaus
Alte und typische Bauernhäuser

Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Angaben ohne Gewähr / Impressum / Letzte Aktualisierung: 6.12.2018