FASNÄCHTLICHES URI

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Die Geschichte der Urner Narrenblätter


  
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war in Altdorf die Herausgabe von Narrenblättern ein fester Bestandteil der Fasnacht, und das «Urner Wochenblatt» stellte 1880 fest: «An Fasnachtsliteratur darf es bekanntlich in Altdorf nie fehlen.» Es erschienen zum Teil bis zu drei Narrenblätter an einer Fasnacht. Im 19. Jahrhundert hatte sich die Fasnachtssatire in den Schranken einer strengen Zensur zu bewegen. Da keine Fasnachtsorganisationen mit rechtlich fassbaren Personen in einem Vorstand bestanden, war das närrische Tun für die Obrig- und Geistlichkeit unberechenbar.
1882 rief in einem Inserat der «Urner Zeitung» ein «Narren-Comite» zur sonntäglichen Versammlung in die gewohnten Lokale «behufs Besprechung der diesjährigen Fastnachtsliteratur und eines Umzuges» auf. Zwei Zeitungsnummern später fand sich ein zweites Inserat, das die Mitteilung machte, dass Korrespondenzen und Inserate in das diesjährige Narrenblatt an «Seine Hoheit Prinz Carneval, poste restante Altdorf» zu adressieren seien. In der Regel wurden die Herausgeber von Fasnachtsliteratur jedoch nicht genannt. Es dürfte sich dabei um kleine Gruppierungen gehandelt haben, die sich zwecks Herausgabe eines närrischen Druckerzeugnisses kurz vor der Fasnacht formierten, sich nach den närrischen Tagen auflösten, um sich vielleicht nach einem Jahr zwecks gleicher Tat wieder zusammenzufinden. Die der Nachwelt erhaltene Fasnachtsliteratur macht auch keine Aussagen über ihren Druckort.

Urner Zeitungen sehen närrische Konkurrenz nicht gerne
Die häufig gereimten dichterischen Ergebnisse nannten sich «Narrenspiegel» oder «Narrenblatt». Die Produkte kosteten einheitlich 20 Centimes. In der Einleitung beziehungsweise in der Abonnements-Einladung wurde jeweils auf das Bestreben hingewiesen, die Narrheiten, die das Jahr durch passiert waren, geradeheraus zu sagen, wie es einem passe.
Seit 1878 erscheinen nebst dem «Amtsblatt des Kantons Uri» die beiden Wochenzeitungen «Urner Wochenblatt» (seit 1876) und die «Urner Zeitung» (1878 – 1883). Anscheinend sahen die beiden politischen Blätter die närrische Konkurrenz nicht gerne, denn die vierte Ausgabe des «Narren-Blatts» im Jahre 1878 warf den beiden Wochenzeitungen vor, dass dieselben keine Opfer scheuen, Hand in Hand das Zustandekommen eines dritten zu behindern, oder bestehende wie das Narrenblatt «vom Felde der vieljährigen publizistischen Thätigkeit» zu verdrängen. Somit sah man sich doppelt veranlasst, «das Wohlwollen des Publikums zu erflehen», und das «Narren-Blatt» versprach, «kräftig und warm für Wahrheit und Recht in die Schranken zu treten.» Man wies auch darauf hin, den Raum zwischen den Zeilen derart auszudehnen, dass der Leser zwischen den Zeilen die Wahrheit suchen oder lesen könne. Die Redaktionen der beiden Urner Blätter hatten auch für diese Ausgabe nicht viel übrig. Die «Urner Zeitung» erkannte im «Narren-Blatt» einige heitere Episoden und Karikaturen von «Krähwinkeleien», die männiglich erfreuen mochten, dagegen könnten «Anzüglichkeiten», die auch auftraten, nicht gebilligt werden. Das «Urner Wochenblatt» würdigte 1880 das Altdorfer-Narrenblatt als «arm an Witz und Humor», das nur das Zeugnis ablegte, wie alte Gewohnheiten nicht leicht aufgegeben werden können.

Landrat will Massregeln für Narrenschriften
Am Unschuldigen-Kindlein-Landrat vom 28. und 29. Dezember 1881 beauftragte der Landrat den Regierungsrat, «geeignete Massregeln gegen Verbreitung anstössiger Fastnachtslitteratur» zu treffen. Kurz vor der Fasnacht befreite der Regierungsrat die «Litteratur» von ihrem überflüssigen zweiten «t» und erliess die «Verordnung in Betreff Verbreitung sog. Fastnachtliteratur». Mit dem Standardauftrag «um Missbräuchen vorzubeugen», wies man auf die bestehende Gesetzesbestimmung des Artikels 204 des Landbuches hin, der das Ausgeben und Verbreiten von Schmähschriften generell verbot. Die Narrenblätter waren in diesem Artikel bisher nur unter «und dergleichen» einbezogen. Die Wirkung des Artikels war jedoch nicht genügend nachhaltig, und so bestimmte der Regierungsrat, dass die so genannte Fastnachtliteratur, Druckblätter, fliegende «Zeddel» mit Gedichten, bildliche Darstellungen und so weiter mit dem Namen des verantwortlichen Druckers und Herausgebers deutlich bezeichnet sein müssten. «Beinebens» – was so viel wie «neben- bei» bedeutete – durften in Zukunft solche Fasnachtsschriften nicht verkauft, sondern nur gratis ausgeteilt werden. Damit war den Herausgebern von Narrenliteratur der sonst schon karge wirtschaftliche Boden entzogen. Sollte sich noch jemand zur Herausgabe motiviert fühlen, so wurde diesen angedroht, dass «anonyme Blätter und Pasquille, sowie solche injuriösen oder unanständigen oder beleidigenden Inhalts», auf erste Anzeige hin konfisziert und der Herausgeber und die Verbreiter an die Strafbehörde überwiesen würden. Das war ein empfindlicher Schlag gegen die Narrenfreiheit.

«Doch, was sollen diese Paragraphen all’,
Soll’n sie uns Heil verkünden?
Nein, ihr Narren allzumal,
Wir lassen uns die Händ’ nicht binden.

Darum hinaus Produkt der Narren,
Nicht fürchte dich!
Setz’ auf den Hut, zur Hand den Sparren, Dann wirst du fürchterlich!
Beug’ nicht dein Haupt vor Gessler’s Hut,
Bleib’ bei der Wahrheit nur!
Zeig’ freien Geist und frohen Muth
still wandelnd auf der Väter Spur!

Und siehst du in der Ferne blinken
Unser Zukunftsschloss – verstehst?
Darin die Alten freundlich winken,
So postier’ dich noch, eh’ du hingehst.»



Das «Narren-Blatt vom Jahre des Heils 1882» schrieb deshalb die Parolen «Freiheit und Gleichheit» sowie «Unsinn und Liederlichkeit» in die Titelvignette, verbunden mit dem Kampfspruch: «Die Narrheit bringt Alles – Gratis – an den Tag». Nach dem Zitieren des erwähnten Paragrafen folgte ein gereimtes Loblied auf die Narrenfreiheit.
Die Narren hatten im Regierungsratsbeschluss über die Fasnachtsliteratur ein geeignetes Sujet gefunden. Die Kritik im regierungshörigen «Urner Wochenblatt» war denn dementsprechend. Die entstandene und am Altdorfer Fasnachtsumzug ausgeteilte Fasnachtsliteratur verdiente laut «Urner Wochenblatt» den Namen nicht.
Die erlassene Verordnung blieb nicht ohne Wirkung, denn in den nächsten Jahren verschwanden die Narrenblätter von der Bildfläche.

Neu gegründete Fagesa gibt Narrenblatt heraus
Im Jahre 1890, zwei Jahre nach ihrer Gründung, beschloss die Faschingsgesellschaft Altdorf, nebst der Durchführung eines Fasnachtsspiels auch ein Narrenblatt herauszugeben. Motivation hierfür war der Umstand, dass in den letzten Jahren in hiesiger Gegend keine Narrenblätter mehr erschienen waren. Das Redaktionskomitee des Narrenblattes bestand aus Landschreiber Josef Werner Lusser, Dr. Alban Müller und Jost Gamma. Das «Comite» rief in den Zeitungen alle Humoristen und Narrenfreunde zur Einsendung möglichst spasshafter Korrespondenzen und Inserate auf. Gute und schlechte Witze waren herzlich willkommen. Der «beste schlechte Einfall» sollte mit einer 4-prozentigen «Allmeine-Obligation» honoriert werden, zahlbar am 29. Hornung 1890. In Anbetracht, dass das Auge des Gesetzes mit väterlicher Fürsorge über alle grossen und kleinen Narren und deren Wohlergehen wachte, wurde den «verehrlichen Einsendern» das in allen Staaten Europas für solche Fälle eingeführte Narrenprinzip in Erinnerung gerufen.
Bei der Faschingsgesellschaft erklärte der Vorstand, für die Redaktion des Blattes haftbar zu sein. War die Haftungsfrage geregelt, war der Drucker bereit, das Narrenblatt zu drucken. Bezüglich der Einsendungen hatte die grösste Verschwiegenheit zu herrschen. Sämtliche Manuskripte wurden nach der Annahme vernichtet. Die Einsendungen wurden jeweils an den Vorstandssitzungen verlesen und deren Publikation genehmigt. Das Protokoll hielt genau fest, wem der Text zu Ohren gekommen war. Die Einsendungen waren jedoch spärlich und das wenige meistens unbrauchbar. Die Hauptsache des Narrenblattes hatte also das Redaktionskomitee zu leisten. Die Satz- und Druckkosten für 500 Narrenblätter betrugen 90 Franken. Mit dem Verkaufspreis von 20 Rappen konnten immerhin die Druckkosten gedeckt werden.
Am Mittag des Schmutzigen Donnerstags 1890 wurde die Herausgabe des Narrenblattes auf nachmittags 13 Uhr verkündet. Der dekorierte Redaktionswagen, von zwei Prachtpferden gezogen, setzte sich vom «Höfli» her in Bewegung. Voran schritt eine Musik. Vorn im Wagen befand sich die hohe Redaktion, im hinteren Teil die Druckerei und Expedition, alles in fieberhafter Tätigkeit. Trotzdem nur ein Schriftsetzer tätig war und nur eine alte Druckerpresse zur Verfügung stand, konnte das Blatt auf dem Hauptplatz dem bereitstehenden Publikum zum Kauf angeboten werden. Es befand sich wenig Volk im Dorf, und so wurden auch wenig Blätter zum Preis von 20 Rappen abgesetzt. Das Motto der Faschingsgesellschaft «Jedermann zur Freud, niemand zum Leid» schlug sich im allgemeinen Urteil nieder, dass das Blatt zu harmlos sei. Selbstkritisch sah man ein: «Ein Narrenblatt herauszugeben ist ein mühevolles, unrentables und höchst undankbares Geschäft!» Und man kam innerhalb des Vorstandes zum Beschluss, dass die Faschingsgesellschaft den gemachten Versuch schwerlich wiederholen werde.

Zweiter Versuch der Fagesa
Drei Jahre später war die Schmach vergessen und man wagte sich an die Herausgabe eines vierseitigen Narrenblattes mit dem Namen «Der Narrenhafen»). Im Jahre 1895 wurde beklagt, dass von «Narrenblättern» nicht die Spur zu sehen war, und der Korrespondent der 1893 erstmals erschienen «Gotthard-Post» stellte fest, dass die Fasnachtsliteratur einem reaktionären Geiste zum Opfer gefallen sein müsse und «die verfolgte Unschuld» ihr freilich keine Träne nachweine. Das jährlich im Amtsblatt wiederholte Verbot schien Wirkung zu zeigen, vor allem mit der Bestimmung, dass die Druckerei auf dem Narrenblatt erwähnt sein musste. Die «Gotthard-Post» brachte es auf den Punkt: «Die Herren rechneten sehr richtig darauf, dass der Buchdrucker, wenn er Regierungsarbeiten haben will, kein Narrenblättli unterschreibt, das der Regierung nicht anständig ist. So gelang es, die Fastnachtsliteratur, die wirklich dann und wann über die Schnur hieb, zu fesseln.»

Narrenblätter erschienen vereinzelt auch in den folgenden Jahren. Als Herausgeber amtete vor allem die Faschingsgesellschaft; die närrischen Editionen ernteten aber lediglich Kritik. Daneben traten auch Einzelkämpfer in Erscheinung: Anton Müller alias «Antonius der Grosse», ein Dorforiginal, geisselte mit beissenden Spottversen vor allem die kleinbürgerliche Moral der besseren Altdorfer Herren.

Der Inhalt der Narrenblätter
Der Spott der Narrenblätter zielte einmal auf Behördenmitglieder und vereinzelt auch auf die Geistlichkeit. Es wurde zwar zum Teil durchaus als Ehre empfunden, wenn sich der Bekanntheitsgrad auf humorvolle Weise im Narrenblatt widerspiegelte, man zeigte sich jedoch in der Ehre alsbald gekränkt, wenn die Satire allzu bissig und kritisch daherkam. Diejenigen, die während des Jahres das Sagen hatten, warteten somit gespannt, was unter dem Segen einer behördlich beschränkten Narrenfreiheit die Narren zu sagen hatten. Während hinter den beiden Wochenzeitungen «Urner Wochenblatt» und «Gotthard-Post» eine politische Gesinnung stand, kamen politische und wirtschaftliche Themen in den Narrenblättern nur vereinzelt vor – wie etwa die nicht erfüllten Hoffnungen in die Gotthardbahn. Beliebte Themen waren heimliche Taten von Holz- und Jagdfrevlern sowie Milchpanschern, Verstösse gegen das Sonntagsgesetz und sonstige glorreiche Ereignisse, die durch die Maschen der Gesetzgebung fielen. Ein weiterer närrisch heimgesuchter Personenkreis bildeten die Wirtsleute sowie die Bäcker und Metzger. Die Grosszahl der Narrenblattsprüche befasste sich aber mit dem alltäglichen Dorfleben und zielte auf die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Liebe, die Ehe und die Scheidung.

Die «Nächstenliebe» betritt des satirische Parkett
1906 trat der Verein der «Nächstenliebe» erstmals mit einem Narrenblatt an die Öffentlichkeit. Man führte einen kleinen Umzug zum Thema Heilsarmee auf. Motivation hierzu war jedoch nicht die satirische Bereicherung des Dorflebens, sondern der Verkauf eines «Witzblattes» sollte die Kosten des Umzugs decken helfen. Ladi Krupski, selbst nicht Mitglied der «Nächstenliebe Altdorf», erklärte sich bereit, ein passendes Narrenblatt mit dem Namen «Kriegsruf» zu redigieren. Offiziell war der verantwortliche Redakteur allerdings nicht zu ermitteln.
Das Narrenblatt wurde in der Altdorfer Druckerei Huber gedruckt und hatte zur Illustration die gängigen Clichés, die den Leserinnen und Lesern von den Zeitungsinseraten für Fasnachtsveranstaltungen bekannt waren. Nebst dem Text zum Fasnachtsspiel hielten sich Humor sowie Umfang in Grenzen. Trotz des wirtschaftlich positiven Abschlusses blieb es vorerst bei der Nr. 1, und der Verein beschränkte sich auf Schnitzelbänke, deren Strophen in gedruckter Form abgegeben wurden und auf der Rückseite humoristische Inserate enthielten.

Nur noch vereinzelt Narrenblätter
Bis zum Ersten Weltkrieg erschienen zwar noch vereinzelt Narrenblätter, allen war jedoch gemeinsam, dass sie über die Nr. 1 nicht hinauskamen und dass sie in der Presse ein vor allem negatives Echo fanden. 1909 behandelte die «Schnee-Kanone» die weltpolitische Lage sowie die militärischen Ereignisse im Bataillon 87. «Der neue Komet» beleuchtete entsprechend seinem Titel einmal das Erscheinen des Kometen Halley im Jahre 1910, stellte sich dann aber vor allem in den Dienst der Abstimmungspropaganda. Die Initiative für den Sonntagstanz war im Jahr davor offiziell knapp, nach Meinung der Initianten jedoch mit ungenauer Zählung abgelehnt worden.
Das «Urner Wochenblatt» meinte zur gut aufgemachten, jedoch thematisch einseitigen Narrenliteratur, dass sie nur «den Quark des abgelaufenen Jahres» sammelte. Die «Harmonie» Altdorf gab zum Familienabend in der Fasnachtszeit jeweils die humoristische Zeitschrift «Harmonium» heraus, die nebst dem Vereinsleben auch das Dorfleben humoristisch beleuchtete.



Die zwei Auftritte des Julianus Apostata
Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte in der satirischen Fasnacht vorerst die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Dann begannen die goldenen 1920er-Jahre. Im Jahre 1921 erschien erstmals der «Urner-Spiegel». Als Herausgeber und verantwortlicher Redaktor zeichnete «Julianus Apostata», mit bürgerlichem Namen Emanuel Schellhammer. Julianus war der römische Kaiser, welcher von den Christen den Namen «Apostata» («Abtrünniger») erhielt, da er sich vom Christentum abgewandt hatte. Allein mit diesem Namen war in der hiesigen Welt des Katholizismus genug Öl in das Feuer gegossen, das sich in Altdorf zu einem Flächenbrand ausbreiten sollte. Der «Urner-Spiegel» sah sich als Volksschrift zur Hebung der Moral und zur Pflege des sittlichen Wandels und als belletristisches Unterhaltungsblatt für Familie und Haus und bezeichnete sich als vorurteilslose, unparteiische Zeitschrift ohne politische Tendenzen.
Der «Urner-Spiegel» setzte nun zu einer ironisch-satirischen Tonart an, die sich von den bisher erschienenen Narrenblättern deutlich abhob. Der Spiegel wurde bekannten Personen des öffentlichen Lebens vorgehalten. In den Prosatexten wurde ein ironischer Stil gepflegt, der die Person – wie von der Urner Presse gewohnt – in allen Tönen lobte, dann jedoch zu bissigen Kommentaren ansetzte.
Dieses Narrenblatt verfehlte seine Wirkung nicht, denn eines mussten sich Schellhammer und seine Komplizen nicht vorwerfen lassen, dass ihr Blatt zahm war. Im Jahre 1921 wehten zudem noch zwei andere Winde: der «Föhn» der Nächstenliebe und der «Biswind» der Faschingsgesellschaft. Das Produkt der Faschingsgesellschaft erschien im üblichen Rahmen. Das Blatt erhielt nun in den Urner Zeitungen als das kleinere Übel plötzlich anerkennende Worte und Lob, dass man Witz vom Ernst ordentlich zu unterscheiden wusste.
Das «Urner Wochenblatt» empfand, dass der «Urner-Spiegel» sich eine Sprache gestattete, «die nicht nur jedes Fastnachtswitzes entbehrte, sondern noch höchst beleidigend war.» Man war der Ansicht, dass der Narrenblatt-Redaktor keinen Grund hatte, sich zum Sittenrichter anderer aufzuspielen. Und es wurde angekündigt, dass er sowie seine geistreichen Hintermänner sich auf ein gerichtliches Nachspiel gefasst machen dürften. Dazu sollte es aber nicht kommen. In den Urner Zeitungen suchte die Faschingsgesellschaft finanzielle Argumente ins Feld zu führen und warnte, auch den übrigen Fasnachtsbetrieb dem «Schellhammer und Konsorten» zu überlassen und ihre Aktivitäten einzustellen, wenn ihr Narrenblatt nicht gekauft werde. Schliesslich würden mit dem Erlös die Umzugskosten gedeckt, währenddessen man beim Konkurrenzblatt dem Herausgeber nur zu einem guten Sackgeld verhelfe.

Schellhammer zieht weg
Die zweite Auflage des «Urner-Spiegels» war mit vier Seiten doppelt so gross wie die erste, war sauber gestaltet und gut gedruckt. Der Inhalt stand dem Vorgänger in satirischer Hinsicht nicht nach. Emanuel Schellhammer schien sich in der Rolle des verantwortlichen Herausgebers und Redaktors zu gefallen. In den Wirtschaften führte er das grosse Wort und suchte nach Neuigkeiten, denen er dann noch seinen Senf beigab.
Der zweite «Urner-Spiegel» wurde polizeilich beschlagnahmt. Staatsanwalt Franz Muheim beurteilte die Schrift mit Ausnahme eines Artikels, der «ein Machwerk von dummer Gemeinheit» war und einiger «anderer ganz stupider und persönlicher Anremplungen» als «nicht übel». Staatsanwalt Franz Muheim hielt weiter fest: «Der ‹Urner-Spiegel› soll unter Mitwirkung von Albert Jütz und Balz Danioth herausgegeben worden sein. Schellhammer sei der vorgeschobene Posten.» Zum Inhalt notierte er in sein Tagebuch: «Die Fastnachtsblätter waren witzig, mitunter auch etwas gesalzen, besonders das von Altdorf. Zwei weitere Blätter, die den Druckort, bzw. den Verleger oder Herausgeber nicht nannten, seien unterdrückt worden.» Das «Urner Wochenblatt» fand, dass aus dem Narrenblättchen statt gutem Fasnachtswitz einige Grobheiten sowie viel Neid und Hass herausglotzten und dem Vernehmen nach von zwei «bessern Herren» assistiert wurde.
Der «Urner-Spiegel» erschien zweimal, wütete wie ein Flächenbrand, und nach zwei Jahren war er wiederum verschwunden. Emanuel Schellhammer zog von Altdorf weg, vorerst nach Deutschland; ein Gerücht wollte wissen nach Amerika.

Die Narrenfreiheit war ausgelotet
Für Emanuel Schellhammer hatte nur ein Spruch rechtliche Konsequenzen gehabt, und dies deshalb, weil die Information aus dem Schächental, dass ein namentlich genannter Freier bei der «Stubetä» vom Liebchen heimgeschickt wurde, nur ein Gerücht war. Emanuel Schellhammer wurde vom Kreisgericht wegen Schmähung zur hohen Busse von 100 Franken verurteilt. Bei der Verurteilung hatte er sich bereits nach Deutschland geflüchtet und sandte aus Düsseldorf einen «Weh- und Jammerbrief», dass er vollständig mittellos sei, ein kümmerliches Dasein friste und daher nicht in der Lage sich befinde, Zivilentschädigungsansprüchen genügen zu können.

«Julianus Apostata» hatte die Grenzen des Tolerierbaren ausgelotet und die Grenzsteine, die das Tummelfeld der Narren während der Fasnachtszeit bisher abgrenzten, stark nach aussen versetzt. Schellhammer hat damit der Satire mit seinen Giftpfeilen das Feld freigeschossen.

Die Verseschmiede und Sprücheklopfer durften nun schärfer und bissiger ans Werk gehen, wohl wissend, dass sie im Schatten von «Julianus Apostata» harmloser als der berüchtigte «Schellhammerli» angesehen wurden. Bestehen blieb die seit 1921 begonnene Tradition der Herausgabe eines Narrenblattes der Faschingsgesellschaft Altdorf und die Schnitzelbänke der «Nächstenliebe».

Die unheilstiftenden Drachenungeheuer der Klatschsucht
Die Faschingsgesellschaft gab weiterhin ein Narrenblatt heraus. «Der Bubikopf» setzte 1926 nochmals ein Zeichen. Das Blatt geisselte einerseits die Zustände in Europa mit dem «Verdrehten Gedicht», aber auch die kleinbürgerliche Doppelmoral und guten Sitten der so genannt besseren Leute mit dem «Zücht’gen Mädel». Sobald sich die Faschingsgesellchaft in der Satire zu weit hinauslehnte und ihr einstiges Leitmotiv «Niemand zum Leid, allen zur Freud» verliess, lief sie Gefahr, dass ihr die personelle und materielle Unterstützung versagt blieb. Entsprechende Winke fanden sich auch in den Pressekommentaren, und der Faschingsgesellschaft wurde empfohlen, «für solchen Schmutz» nicht ihren Namen herzugeben, wenn sie nicht riskieren wolle, alle und jede Sympathie in weiten Kreisen noch zu verscherzen.

Im Jahre 1927 konzentrierte die Faschingsgesellschaft Altdorf ihre Kräfte noch einmal auf einen Umzug. Das Narrenblatt diente vor allem als Umzugsprogramm. Ein Jahr später stellte die Fagesa ihre Tätigkeit ein. Zu den letzten aufrechten Narren zählten Heinrich Danioth und Heraldiker Albert Huber. Man beklagte mangelnde Unterstützung bei der Bevölkerung. Das Narrenblatt hatte ein ansehnliches Niveau erreicht, zeigte Mut, entsprechende Themen der Doppelmoral ans Tageslicht zu bringen. Vielleicht schaden eben gute Narrenblätter sich selber mehr, als sie nützen!

Mit der Fagesa war auch das Narrenblatt verschwunden. Neue Organisationen versuchten in die närrische Lücke zu treten, ohne jedoch ihre Vorgänger in Sachen Witz und Satire zu erreichen. Die sprichwörtlich Goldenen Zwanzigerjahre wurden in Altdorf hinsichtlich der Satire gerecht. Nun waren sie vorbei. Es folgte die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre, die auch das Fasnachtstreiben nicht verschonte.

Bruderzwist
Die Narren richteten ihre satirischen Geschützsalven auch gegen andere Fasnachtsorganisationen. In den 1930er-Jahren kam es zu gegenseitigen Sticheleien zwischen der «Fidelitas» in Flüelen und der «Nächstenliebe» in Altdorf. Jede Organisation war bestrebt, die andere zu übertrumpfen. So war es natürlich besonders reizvoll, wenn einem Bürger aus dem Hafenstädtchen gerade in Altdorf ein Fauxpas passierte. Er durfte dann auf populäre Erwähnung im nächsten Narrenblatt sicher sein, wie etwa der Flüeler Gewerbetreibende, der am Maskenball in der «Krone» erst im Champagner-Stübli bemerkte, dass die Maske, mit der er sich angeblich drei Stunden lang abgegeben hatte, keine Dame, sondern ein Coiffeur war.

Der Hofdichter wurde langsam müde
Nach dem Untergang der Faschingsgesellschaft organisierten die Lehner auch Umzüge und gaben ein Narrenblatt (1928: «Die Wundermühle», 1929: «Iseri Landsgmeind») heraus. Anfang der 1930er-Jahre löste die «Nächstenliebe» Altdorf die Lehner in der Herausgabe des Narrenblattes ab. Daneben traten der Typariklub Altdorf (1928) und der Club der Harmlosen (1937) als Herausgeber von Narrenblättern auf, meistens in Prosa, sehr wenig in Gedichtform. Die Namen der Narrenblätter widerspiegelten, dass in der Fasnachtszeit ein Wind, und manchmal ein gar bissiger, pfiff: So erschienen neben dem «Föhn» auch der «Closerli», «d’r Geissteeter» oder der «Biswind». Je schärfer das Narrenblatt, umso mehr wurde von ihm gesprochen. Doch der Humor hörte oft auf, wenn man selbst das Opfer von satirischen Attacken wurde. Die Narren hatten den schmalen Pfad zu gehen, ein nicht zu zahmes oder braves Produkt zu gestalten, aber auch bei der Bissigkeit die Grenze zur Ehrverletzung nicht zu überschreiten. Da das Abweichen dieses Pfades von jedem Individuum mit einer kleineren oder grösseren Toleranz bemessen wurde und die Schadenfreude oder die Betroffenheit diese Wegstrecke um ein Vielfaches ausweiten oder einengen konnten, war dem Resultat nicht so sehr Lob, dann aber Kritik ganz sicher.

Keine Narrenblätter von beleidigendem Charakter
Bei Strafe verboten war Fasnachtsliteratur beleidigenden Charakters und mit persönlichen Angriffen. Schadenfreude war auch hier die schönste Freude! In Schattdorf erhielten die Verfasser des Narrenblatts von einer Frau jeweils ein «Neetli», das besonders gross war, wenn ihr Ehemann im Narrenblatt Erwähnung gefunden hatte.

Die Narrenblatt-Redaktionen waren offen für Einsendungen, und es wurde in Gaststätten ein entsprechender Briefkasten aufgestellt oder eine vertrauliche Briefadresse eingerichtet. Diese Möglichkeiten wurden in der Regel nicht rege benutzt, die Sprücheklopfer hatten sich ihren Stoff, aus dem die Verse sind, selber zu holen. Die Narrenblattsprüche entstanden in gemeinsamer Runde oder im stillen Kämmerlein.
Als die damalige Aktivitas der «Nächstenliebe» Altdorf mit Heiri Danioth an der Spitze des Narrenblattes wegen vor den Kadi zitiert wurden, ging es mit umgehängten Pauken, den Katzenmusikmarsch intonierend, dem Rathaus zu. Die Richter waren darob recht milde gestimmt. Doch der Hofdichter der «Nächstenliebe-Schnitzelbank» wurde langsam des Dichtens müde. Der Zweite Weltkrieg brachte dann die Narren ganz zum Schweigen.

Narrenblätter nach dem Zweiten Weltkrieg
1944 wurde der Verkauf von Fasnachtsliteratur verboten. An der ersten Fasnacht nach dem Zweiten Weltkrieg erschien mit dem «Swingligrind – dem popoleeren Modeblatt der neuen Degeneration» wiederum das Narrenblatt der «Nächstenliebe» – vor allem in Prosa, vereinzelt in gereimten Versen. Damit begann die «Nächstenliebe» eine ununterbrochene Narrenblatt-Tradition.

In den 1950er-Jahren erschien das Narrenblatt zwar mit schöner Titelvignette, inhaltlich war es jedoch auf zwei Seiten zusammengeschrumpft. Es überwogen die Prosatexte, die vereinzelten Gedichte fanden sich als Reprise nach drei Jahrzehnten wieder. 1958 stellte die «Gotthard-Post» fest, dass Narrenblätter heuer in einem Übermass angeboten wurden, weil Geltungssüchtige das Bedürfnis hätten, ihren Mist gedruckt zu verkaufen. Um ein gutes Narrenblatt schreiben zu können, brauche es Witz und Geist – doch diese zwei Eigenschaften sollen noch selten dem Weingeist entsprungen sein. Die «Nächstenliebe» gab das Narrenblatt «Ohrägribel» heraus. Man brauchte hiezu sechs Sitzungen, ausgefüllt mit Ein- und Ausfällen und manchem Schluck zur Geistesanregung. Für echte Narren war die Herausgabe von Narrenblättern zwar nicht in erster Linie finanziell motiviert. Man wollte, wenn man sich schon Mühe gab, aber auch nicht drauflegen. Man sah deshalb Konkurrenz, vor allem wenn sie noch von auswärts kam, nicht gerne. Die «Nächstenliebe» beschloss deshalb, das Narrenblatt bereits am Mittwochabend herauszugeben. Einerseits wollte man damit die «ausländische» Konkurrenz lahm legen, die seit einigen Jahren die Residenz «mit ihrem Brunz verseuchte» und den Verkauf des eigenen Blatts am Schmutzigen Donnerstag erschwerte, andererseits befand sich durch den Eröffnungsmarsch sehr viel Volk und damit eine potenzielle Käuferschaft im Dorf. Als «Flora-Wirt»-Dickenmann sein «Zieh am Büsi» herausgab, wurde dieses deshalb von der «Nächstenliebe» ohne viel Nächstenliebe als «vergeudete Druckerschwärze» bewertet.

Gleichzeitig liess die «Nächstenliebe» auch die Tradition der Schnitzelbank mit gereimten Strophen wieder aufleben. Heiri Danioth erstellte bis 1953 die Texte und gestaltete 1950 das Narrenblatt «Weltgosche». Doch bei dem 54-jährigen Künstler, der nur noch gut drei Jahre zu leben hatte, machte sich Frust breit. Heinrich Danioth starb am 3. November 1953 im Kantonsspital Uri im Alter von erst 57 Jahren an einem Hirntumor.

Narrenblatt ohne Heiri Danioth
Nach dem Tod von Heiri Danioth war es sein langjähriger Mitstreiter Albert Huber, der für die Weiterführung der satirischen Tradition der «Nächstenliebe» sorgte. 1951 erschien erstmals ein Narrenblatt mit Zeichnungen von Rudolf Bollinger (1913–1984). Mit dem «Geisslittli» trat 1954 Willi Mayer (1904–1974) als Illustrator des Narrenblatts auf. Die Illustrationen der Narrenblättern erfolgten als Linolschnitt, verlangten eine besondere Handfertigkeit und waren relativ zeitaufwändig.



Krise zur Herausgabe wird überwunden
Ende der 1950er-Jahre schwand beim Vorstand die Motivation, ein Narrenblatt herauszugeben. 1957 gaben die Ehrenmitglieder dem Vorstand den Rat, das Heft beziehungsweise das Narrenblatt nicht aus der Hand zu geben. An der Generalversammlung 1959 stellte der Vorstand jedoch den Antrag, das Narrenblatt aufzuheben, da die ganze Arbeit von wenigen ausgeführt werden müsse und eine Teilnahme am Fasnachtsumzug genüge. Dieser närrische Minimalismus führte zu hitzigen Diskussionen. Schlussendlich wurde beschlossen, die Fasnacht in gewohnter Weise durchzuführen, das heisst das Narrenblatt herauszugeben, die Schnitzelbank aufzuführen, einen Umzugswagen zu bauen sowie das «Chääs-Zännä» zu organisieren. Organisatorisch gliederte man sich in ein Wagenbau- und ein Narrenblatt-Komitee. Willi Mayer, kein Mitglied des Vereins, war bis 1961 für die Zeichnungen und zusammen mit dem vereinsexternen Juristen Leo Huber für die Redaktion des Narrenblattes besorgt. Nach einer Übergangsphase, in der die Zeichnungen vor allem von Vereinsmitglied Kurt Dahinden (*1934) stammten, wird 1967 der Grafiker Tino Steinemann (*1945) in die «Nächstenliebe» Altdorf aufgenommen.

   

Die Zeichnungen von Tino Steinemann
Tino Steinemann gab mit seinen satirischen Zeichnungen für über 50 Jahre das bildliche Gepräge. Damit war die Existenz des Narrenblatts auch nicht mehr ein Traktandum der Generalversammlung. Höchstens ein altgedienter Kämpe wie Heraldiker Albert Huber appellierte an die Aktivitas, inskünftig mit der Redigierung des Narrenblattes Vorsicht zu wahren und blasphemische Sprüche auf jeden Fall zu meiden.

Das Narrenblatt blieb ein Spiegel einer Zeit, die toleranter wurde, dies und das aus den Fugen hob und auch die Schwelle der Narrenfreiheit nach unten drückte. 1971 gab man sich provokativ. Angeblich weil die dichterischen Quellen zu wenig ergiebig waren, ging man in die Offensive, nannte das Narrenblatt als Reaktion auf Beate Uhse und den feministischen Einschlag «Fygäblatt» und ersetzte den fehlenden Witz durch Bilder hübscher, nackter Damen.

Die Narren legten auch die Hemmungen ab, die geschlechtlichen Teile beim Namen zu nennen. Im Jahre 1972 wurde der blanke Busen im «Dr Yogäli» als natürliche Sache der schönen Welt und keineswegs als jugendgefährdend gepriesen. Grund für dieses Loblied auf die weiblichen Rundungen war der Auftritt eines afrikanischen Balletts auf der Bühne des Tellspielhauses und die entsprechenden Reaktionen in den Urner Zeitungen.

Das Narrenblatt hatte vereinzelt – wie 1975 – ein Nachspiel. Im Vorfeld einer Ehrverletzungsklage liess Präsident Kurt Huber (*1946) verlauten, dass die «Nächstenliebe» seit jeher bestrebt gewesen sei, im Narrenblatt «einen fasnächtlich-zündenden, manchmal sogar humorvoll-zynischen, niemals aber einen ehrverletzenden Ton» anzuschlagen. In der 75-jährigen Vereinsgeschichte hätten nur drei bis vier «Humorverletzte» den fasnächtlichen Ton missverstanden.

Im Weiteren wurde geraten, an der Fasnacht mit einem erhabenen Lächeln über solche Glossierungen hinwegzusehen, und schliesslich behauptet, dass Artikel im Narrenblatt noch nie kreditschädigend gewirkt hätten, sondern im Gegenteil zur Popularität bekannter Altdorfer und Urner beigetragen hätten. Die Aktivitas erklärte sich in corpore für das Gedicht verantwortlich. Das Verfahren wurde stillschweigend abgeschrieben.

Text: Gisler-Jauch Rolf, Fasnächtliches Uri, S. 248 ff.

SATIRISCHE ECKPUNKTE

Der Narrenspiegel
Der Spiegel hat als Narrenkennzeichen eine lange Tradition, der ursprünglich die Selbstverliebtheit des Narren verdeutlichen sollte. Personen, die mit einem Spiegel dargestellt wurden, galten als verblendet im Sinne von blind für Gott. Erst später erfuhr der Spiegel eine entscheidende Erweiterung seiner Zeichenhaftigkeit, indem er nicht mehr nur der unkritischen Selbstschau, sondern zugleich der kritischen Selbstentlarvung diente. Von hier war es nur noch ein kleiner Schritt bis zur närrischen Idee, den Spiegel auch anderen vorzuhalten.
Text: Gisler-Jauch Rolf, Fasnächtliches Uri, S. 251.

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Manifeste
Die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg (†1468) beschränkte sich nicht nur auf wertvolle Bücher, sondern liess bald ein- oder mehrseitige Erzeugnisse entstehen, die je nach Inhalt Manifest, Pamphlet oder Pasquill genannt wurden. Die ersten dieser Druckschriften, die bald in Umlauf kamen, berichteten noch über wundersame Ereignisse oder Heiligenfeste, enthielten Polizeiverordnungen oder beschrieben Rezepturen. Seit der Reformationszeit erhielt das Pasquill politische Bedeutung, indem es aktuelle und politische Ereignisse kommentierte sowie der Aufklärung und Propaganda diente. Die periodisch erscheinenden Tages- und Wochenzeitungen sowie Almanache übernahmen mit ihrem Aufkommen viele dieser Funktionen. Des Pasquills bedienten sich weiterhin Personen oder Gruppen, die Informationen schnell und heimlich verbreiten wollten und so vor allem die Zensur umgehen konnten. Mit der Erfindung des Flugzeugs wurde das Flugblatt seinem Namen gerecht. Vor allem im Ersten Weltkrieg erhielt es als Propagandamittel noch einmal Bedeutung und wurde hinter die feindlichen Linien abgeworfen.
Pasquille wurden auch in der Fasnachtszeit eingesetzt und vom Narr, aber auch vom Verleumder, nachts heimlich an Türen geheftet. Später wurden die Zettel mit humoristischen Sprüchen versehen und an Umzügen sowie an Maskenbällen verteilt.
Die Pasquille, die in Uri in Umlauf gebracht wurden, richteten sich in erster Linie gegen die Geistlichkeit, vor allem gegen diejenigen Vertreter des Klerus, die – obwohl sie es von der Kanzel predigten – der Fleischeslust der weiblichen Versuchung nicht widerstehen konnten.
Das Flugblatt war ein Mittel der Volksjustiz. Die Möglichkeiten der freien publizistischen Tätigkeit im Dienste des Humors und der Satire wirkten jedoch Gesetzgeber und Kirche entgegen. Das Alte Urner Landbuch legte in Artikel 204 fest, dass alle Art Schmähschriften, «Pasquilles», «Libelles» und Lieder sowie ärgerliche Bilder im Land verboten waren. Ebenfalls strafbar machte sich, wenn «einer der Unsrigen ausser Lands» gegen hiesige Behörden, Stände oder Personen so etwas erlaubte. Dieser Beschluss der Landsgemeinde von 1673 sowie derjenige des Landrats von 1819 setzten die Strafe auf 50 Gulden fest, wovon dem Angeber ein Drittel zukam. Wenn einer «allzu ungebührend und frech» handelte, konnte er selbst an Ehre und Gut bestraft werden.
Text: Gisler-Jauch Rolf, Fasnächtliches Uri, S. 248.

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Pamphlete gegen die Geistlichkeit
In Altdorf wurde im Jahre 1840 ein Pasquill in Umlauf gebracht und richtete sich gegen Kaplan Etziger. Der Spruch war gereimt und vor dem Hintergrund des von der Geistlichkeit stets geforderten Tanzverbotes zu sehen.

«Nun hat’s gewaltig aufgeschlagen?
Was denn hört man euch gierig fragen.
Das Mehl schlagt ab und auch das Brod,
Woran ist denn noch grosse Noth?

Die Herren haben aufgeschlagen,
weil Pfarrer sich ins Handwerk wagen.
Sie geh’n doch nicht zum offnen Tanz,
Braucht’s nicht! Ohn’ Geige jukt ihr Sch...

Dass viele Mädel fett sich finden,
Sind schuldig nicht des Tanzes Sünden.
Wohl aus der Pfarrer Schlafgemach,
kam ihnen diese Schand und Schmach!

Zum Tanz dürft’ wohl der Commissar,
Die Köchin schiken ohne G’fahr;
Denn für drei Bazen Sündengeld,
Hätt man sie dorten nicht gequält,
Und hatt’ auch nicht von ihr begehrt.
S’zu deken drei Douplonen werth.

Drum sollt auf traur’ges Pfaff-Exempel,
Man anderst lehren in dem Tempel.
Darfs lustig sein in Ehren,
Man niemand sollte wehren;
Doch soll vor Frömmlern man sich wahren,
Sonst krazt zu spät man in den Haaren.»



An der Fasnacht 1851 wurde an der Türe des Rathauses von Andermatt ein Flugblatt gegen Caspar Stachel, Kaplan in Hospental, angeheftet. Unter dem Titel «Kaplan Stachel» und dem Spruch «Komm lieber Sohn empfange den Lohn für deine Tugenden» war ein Herr mit Glatze dargestellt. In seiner Rechten hielt er ein Buch über das Leben der heiligen Clara, in der Linken eine Jakobinermütze. Links und rechts der Figur waren die Orte der Lohnempfängnis mit «Uri, Schwitz, Bern, Aargau etc.» aufgelistet. Zu den Füssen stand geschrieben: «Ihr l. Jungfrauen und Wittfrauen bettet für mich, damit ich ins Himmelreich komme. Fort mit den listigen Jesuiten und lausigen Capucinern, fort mit dem Coelibat, es lebe Rougé.» Auf der Rückseite war derselbe Herr gezeichnet mit aufgesetzter Kappe und darunter stehendem Text: «Auf die Fürbitte der h. Clara und durch das pfiffige Einleiten des Dom- Capitels in Ursern bin ich wieder aus den Klauen der Teufel befreit worden und labe unter meinen l. Jungfrauen und Wittfrauen wie der Sieb im Hanfsamen. Juhe. Juhe!»
Text: Gisler-Jauch Rolf, Fasnächtliches Uri, S. 249; Quellen: StAUR G-300-11/41-10 (50); StAUR G-300-11/41-10 (6).

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SATIRISCHE EREIGNISSE

Samstag, 18. Februar 1882
Dem Narrenblatt wird politische Tendenz vorgeworfen
Das «Urner Wochenblatt» bezichtigt das Altdofer Narrenblatt als politisches Pamphlet mit politischer Tendenz: «Das an Witz und Geist vollständig bare, dafür an klotzigen Grobheiten reiche ‹Narrenblatt› wird richtiger als politisches Pamphlet taxirt. Es ist gerade der sich jedes Jahr wiederholenden, einseitigen politischen Tendenz dieser Fasnachtsblätter wegen mehr als schmutzig, dass die reichen Gönner und Herausgeber beim allgemeinen Publikum, selbst bei denjenigen, die sie nachher zu besudeln beabsichtigen, um Aktien bettelten.»
Urner Wochenblatt, Nr. 7, 18.2.1882
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Sonntag, 29. Januar 1922
«Urner-Spiegel» ist heisses Thema bei der Fagesa-Versammlung
An der Generalversammlung der Faschings-Gesellschaft im Restaurant Höfli schwört – eingedenk des letztjährigen «Urispiegels» - lange Reden herauf. Unter den Narren will man kein Kuckucksei. Ein Antrag fordert, anonyme Blätter auch von der Faschingsgesellschaft aus zu bekämpfen, ansonsten von behördlicher Seite ein Verbot für die Herausgabe von Narrenblättern eintreten könnte. Eine andere Meinung bläst zur närrischen Offensive und dass es notwendig sei, witzige Hiebe auf beide Seiten zu erteilen. Nur so sei es möglich, dem vielleicht wieder erscheinenden «Urner-Spiegel» den Boykott zu erklären.
Protokollbuch Fagesa, Bd. 2, S 29 f.
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Montag, 3. März 1924
Narrenblatt nimmt Stellung zu Leserbrief über die «Blaue Nacht»
Das Narrenblatt der Faschingsgesellschaft nimmt Bezug auf einen Leserbrief in der «Gotthard-Post», deren Schreiber sich über die Sänger der «Blauen Nacht» und deren Nachtruhestörung genervt hat. Das Narrenblatt «Die grosse Pauke» bezeichnet sich dabei als Fort- und rückschrittliches Volksblatt für Kliquenversöhnung und zur Hebung der Sing-, Jodel-, Lärm-, Heul-, Krakehl-, Radau- und Musizierkunst sowie als offizielles Organ der «Blauen Nacht», der Vereinigung musikalischer Nachtschwärmer. Im Geleit gibt die Redaktion ihre Marschrichtung bekannt.
Faschingsgesellschaft Altdorf, Die grosse Pauke, Altdorf 1924.
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Montag, 4. März 1946
In Altdorf erscheint erstes Narrenblatt nach dem Weltkrieg
Im Vorwort des Narrenblatt Swingligrind der «Nächstenliebe» geht die «Redaktion für allzu Lokales» mit Einsendern von Narrenblatt-Sprüchen hart ins Gericht. Aus den Einsendungen wisse man zur Genüge, wie man diese Zeitung haben möchte: «Sackgrob, dreideutig, schlüpfrig und nach irgendeinem Hergerschen oder Müllerschen Familiengeschichtlein stinkend! Den Geist möchte man durch ein Brecheisen, den Witz durch eine Zote und die Fantasie durch eine üble Nachrede ersetzt haben. Das Rezept sei das folgende: ‹Du bringst deinen defekten Spritkocher zur Explosion, erledigst somit deinen geschäftlichen oder politischen Widersacher, verkriechst dich hinter dem Dreckhügel deiner Anonymität und überlässt die Aufräumungsarbeiten den Richtern und Juristen. Was diese Höseler anstrebten, wäre blutiger Bürgerkrieg, kaum dass man sich des Friedens erfreut hätte.›»
Narrenblatt Swingligrind 1946, Slg. Nächstenliebe.
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ZITATE ZUM UND IM NARRENBLATT

Die Angst des Politikers vor dem Narrenblatt
«Nichts scheuen gewisse Landammänner mehr, als die Fastnacht. Wenn diese heranrückt, beschwert sich ihr Gewissen und sie denken darüber nach, ob sie nicht ausgespielt, oder in das ‹Narrenblättli› gesetzt werden könnten. Sie fürchten nicht ohne Grund, das Volk könne die Freiheit, die man ihm während des Jahres entzieht, mit der Larve rächen. Und das wissen sie: Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt.»
GP 9, 1902
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Vorwort zur 2. Ausgabe des «Urner Spiegels» in Bezug zu den Reaktionen zur Erstausgabe
«Der ‹Urner-Spiegel› hat gleich bei seinem ersten Erscheinen in der Altdorfer Öffentlichkeit eine äusserst mannigfaltige Wirkung geübt, eine stärkere als sie je einem urnerischen Fastnachtsblatt beschieden war. Während nun seit mehr denn einem Dezennium die übrigen Fastnachtspresseerzeugnisse sich zu einem friedlichen Verzicht auf satirische Polemik gegen die Auswüchse der Zeit verleiten liessen, reifte der ‹Urner-Spiegel› zum schärfsten satirischen Jahresspiegel unserer ehrwürdigen Alpenrepublik Uri heran. Zumeist aus Opposition gegen die Einseitigkeit der Andern griff ein mutiger Publizist so ziemlich jede Partei und jede öffentliche Angelegenheit auf, deren Vertreter sich eine Blösse gaben. Die Entrüstung, der Ärger waren gross, der Ruf nach dem Kadi allgemein. Die Tonart zu neu und bitter. Die Hiebe oft von einer grausamen Schlagkraft. Wo blieb da die gute, gemütliche Altdorfer Tradition. Julianus Apostata schlug eine so scharfe und zugleich so grobe Klinge, die dem braven Publikum ein dauerndes Gruseln verursachte.»
Schellhammer Emanuel, Der Urner-Spiegel, 1922.
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Heinrich Danioth zu Einsendungen fürs Narrenblatt
«Wer jemals die Gelegenheit hatte, die Einsendungen für die Schnitzelbank zu durchgehen, dem zeigten sich wüste Bilder von Schadenfreude, von Hass und Neid und anderen teuflischen Sinnen. All diese Zuflüsterungen eines bösen Geistes, all diese unheilstiftenden Drachenungeheuer der Klatschsucht werden nun energisch übergangen. Und als fastnachtsfeindliche Macht dürfen wir nicht zuletzt das Heer dieser abgewiesenen Einsender ansehen, die nun als die Erzürnten jedes karnevalistische Wirken hintertreiben.»
Danioth Heinrich, Ausklang – Auftakt,Ein Beitrag zum Problem der Altdorfer Fastnacht, in: GP 10/1926.
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URNER NARRENBLÄTTER

Narrenblätter, Altdorf
Narrenblätter, Uri
Narrenblatt-Herausgeber
Das Narrenblatt in seiner Zeit

 

 


 
Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Angaben ohne Gewähr / Impressum / Letzte Aktualisierung: 15.01.2020