FASNÄCHTLICHES URI

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Maskenrechte und Totengeister


  
In den Maskenbräuchen der Schweiz lassen sich vor allem animistische Elemente erkennen. Gemäss der animistischen Vorstellung war nicht nur der Mensch, sondern seine ganze Umgebung beseelt. Dämonen wirkten auf die menschlichen Geschicke in guter und böser Weise ein. Alle Krankheiten, Naturkatastrophen und Unglücksfälle, aber auch die Heilung und Abwehr werden hier auf die Dämonen zurückgeführt. Den Schadensgeistern standen die schützenden Gegenspieler gegenüber. Die Vorstellung, dass um die Wintersonnenwende, in der Zeit der langen Nächte, finstere Dämonen ihr Unwesen trieben, ist ebenso alt wie weit verbreitet. Geister durchbrausten als «Wüetisheer» (Wotansheer) in winterlichen Sturmnächten die Lüfte und erfüllten alles mit Schrecken. Für die einen waren sie die zur Ruhelosigkeit verdammten Seelen verstorbener Missetäter oder gewaltsam Getöteter, die als wilde Jagd die Lüfte durcheilen mussten, den andern feindliche Dämonen, die seit Urzeiten verkörperte Kraftausflüsse des Bösen darstellten. Der dämonische Charakter dieser Umzüge tat sich auch in Tiergestalten kund. Mit den Masken wurden die Züge nachgeäfft und versucht, die bösen Dämonen zu vertreiben. Mit Fruchtbarkeitsriten wurde versucht, die guten Dämonen anzulocken und sie gutmütig zu stimmen.

Einen Zusammenhang zwischen Masken und Fruchtbarkeit zeigt auch die Urner Sage. Wenn es viel «Boozi» oder «Maschgradä» gab, so sollte es viele Nüsse und damit auch ein gutes Jahr werden (5). Die Gegenüberstellung von guten und bösen Geistern zeigt sich in den «wiäschtä» und «scheenä Maschgäradä». Diese mussten jedoch nicht zwei gegeneinanderstehende Gruppen bilden, sondern eine schöne und eine schreckliche Maske bildeten oft ein Paar. Diese Unterscheidung hat bei den Appenzeller Silvesterchläusen wie an anderen Orten des Alpengebiets ins 21. Jahrhundert überlebt. In Uri trat diese Unterscheidung in Realp bei den von Haus zu Haus ziehenden Maskengruppen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch zu Tage. Die «wiäschtä» Masken hatten am Nachmittag auch einen Wagen oder einen Schlitten mit sich, auf welchem man Produktionen vollführte. Die Aktivitäten der «wiäschtä» Masken gingen am Nachmittag ab, da die Maskenträger danach in den Stall mussten. Allerdings soll es auch vorgekommen sein, dass an solchen Tagen wegen plötzlicher fasnachtsbedingter Verschollenheit des Ehemanns die Frau das Vieh hirten und melken musste. Die Unterscheidung ist auch beim Samichlaus-Brauchtum mit dem Bischof in schönem Kleid und dem in braunes oder schwarzes Gewand gekleideten Schmutzli mit dunklem, bärtigen Gesicht erkennbar.

Vieler Völker haben die Vorstellungen, dass zu bestimmten Zeiten des Jahres die Seelen der Toten von der Unterwelt in die Oberwelt steigen, um als Rächer zu strafen, zu rügen und zu heischen. Auf das Wiederkommen zielt unter anderem die Etymologie des Begriffs «Larve». Dieser bezeichnete, vom Lateinischen «larva» kommend, seinem ursprünglichen Sinn nach: Skelett, Gerippe, böser Geist und Gespenst. Auch das im Urner Dialekt verwendete Wort «buotz» soll langobardischer Herkunft sein – im Sinne von «Vermummter als Geist eines gefallenen Kriegers». Die wiederkehrenden Toten (Armen Seelen) wurden durch Opfergaben – oder wenigstens mit Brot und Wasser – versöhnt. Der Maskenträger identifizierte sich mit den Toten; Maske und Maskenkostüm stellten somit Totengeister und Ahnenseelen dar, nahmen Verehrung und Opfer entgegen und schenkten dafür Gaben, symbolisches Glück, Segen und Fruchtbarkeit.

Abkehr vom Maskenbrauchtum
Die Vertreter der weltlichen und der geistlichen Obrigkeit begegneten dem ausgelassenen Treiben am Vorabend der Fastenzeit bis ins 16. Jahrhundert hinein in der Regel mit Toleranz. Die Reformation bekämpfte die Fasnacht sodann als papistische Unsitte und heidnischen Gräuel. Trotz dieser Polemik vermochte in den neugläubigen Orten die Obrigkeit das Fasnachtsbrauchtum nicht überall zu unterdrücken. Im Zuge der Gegenreformation gab auch die katholische Kirche ihre ursprüngliche Billigung der Fasnacht auf. Vor allem die Jesuiten wirkten (in Luzern ab 1574) in dieser Hinsicht mit der weltlichen Obrigkeit zusammen.
Die Haltung der Kirche wandelte sich im Laufe des 15. Jahrhunderts deutlich. Während der Festtermin «Fastnacht» an sich von den Theologen anfangs noch wertneutral betrachtet wurde, trat an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit eine regelrechte «Verteufelung» ein. Sebastian Brant charakterisierte 1494 in seinem «Narrenschiff» die «Fassnacht»: «Der Teufel hat solch Spiel erdacht.» Das Verhältnis zwischen Fasnacht und Fastenzeit wurde zuneh- mend als Gegensatz empfunden. Immer mehr Kleriker sahen nach 1650 hinter der Fasnacht nur mehr Trunksucht, ein Fest des Teufels, ein Fress- und Sauffest, das direkt vom Teufel stamme. Die Volksbelustigung Fasnacht wurde im 17. Jahrhundert Klerikern zum Ärgernis.
In die Urner Fasnacht flossen italienische Elemente ein! Uri lag durch seine geografische Lage und durch die wirtschaftlichen und sold- dienstlichen Beziehungen nahe an dieser Tendenz. Der Karneval hielt Einzug in die deutsche Sprache. Es bürgerte sich der Ausdruck «mascera» oder «masquera» für «Gesichtslarve» ein, wurde als «Maske» zum Lehnwort und als «Maschgärä» zum gängigen Dialektausdruck, welcher sich als «Maschgäraad» auf die ganze Person übertrug. Um 1750 hielten bisher im Volksbrauch unbekannte Figuren Einzug: der Bajazzo, der Harlekin, der Domino und – wohl auch der Drapoling. Trotz barocker Verfeinerung und modischer italienischer Überformung blieb das Brauchtum der närrischen Tage eine eher derbe Angelegenheit, und die jungen Burschen zogen in Horden weiterhin johlend umher.
All diese in der Tat problematischen Erscheinungen der Volkskultur fanden sowohl auf Seiten der Obrigkeit als auch bei den gebildeten Eliten immer weniger Verständnis. Es erschallten Stimmen, welche vehement dafür plädierten, die gesamten Umtriebe der Fasnacht mit ihren Schreckfiguren und Groteskgestalten als längst überholtes Überbleibsel einer dumpfen Vergangenheit abzuschaffen. Die Generalverbote mehrten sich, die Narren gerieten in die Defensive. An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert hatte die Fasnacht alten Stils, deren Formen sich bis anhin überall im deutschen Sprachraum relativ ähnlich gewesen waren, nur noch ein sehr geringes Ansehen. Waren bisher einfache Leute, zogen fortan Angehörige der «besseren Kreise» die Initiative an sich und stellten dem wilden, von ihnen unwürdig empfundenen Narrenlaufen auf den Strassen neue, ihrer Meinung nach gehobene Vergnügen gegenüber. Dies führte mit der Zeit zwangsläufig zur Aufspaltung des Festgeschehens in eine mehr und in eine weniger angesehene Ebene und somit zur Entstehung einer Art Zweiklassenfasnacht: Die niederen Sozialschichten hatten ihre Auftritte auf der Strasse, während die Oberschicht in vornehmer Gesellschaft und Damenbegleitung den kultivierten Maskenball besuchte.

Text: Gisler-Jauch Rolf, Fasnächtliches Uri, S. 42 ff.

DIE EINZELNEN MASKEN DES URNER BRAUCHTUMS

Altdorfer Tyyfel
Arlecchino
Äschäseckler
Bäijass
Drapoling
Fischer
Heini von Uri
Mihlistäiper
Milischtäiper
Orangenauswerfer
Urispiegel
Uristier
Wilder Mann

MASKENBRÄUCHE

Maskenbräuche
Maskenrechte
Disziplinierung
Arme Seelen
Nachtbuben
Drapoling
Einzelne Masken

MASKENBÄLLE

Maskenbälle, Altdorf
Maskenbälle, Uri

 
Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Angaben ohne Gewähr / Impressum / Letzte Aktualisierung: 20.01.2020