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Das Urner Jahr (Karl Iten)

Karl Iten hat im Jahre 1966 eine volkskundliche Holzschnittfolge in einzelnen Bildern geschaffen.



Januar - Holzer
   
KuIT_Text: «In der Morgenfrühe stapfen die Holzer dick vermummt durch den frischgefallenen Schnee. Als weisser Rauch steht der warme Atem vor ihren Mündern in der eisigen Luft, und im Geflecht ihrer Bärte hängt der Reif. Dumpf tönt der hohle Axtschlag und das Brummen der Motorsägen aus dem verschneiten Winterwald. Mit der „Sapyyä" ziehen die Männer die Stämme in die vereiste Gleitbahn, und unter ihren Warnrufen saust das Holz in rasender Fahrt zu Tal.
Im fuchsroten Militärtornister am Wegrand hat das Essen seinen Platz gefunden, und der Benzinkocher wartet darauf, aufgeheizt zu werden. Bald schon dampft im Pfännchen der Kaffee, und sein Duft mischt sich mit dem würzigen Ruch des frischgeschlagenen Holzes.»

Iten Karl, Das Urner Jahr, Eine volkskundliche Holzschnitzfolge in einzelnen Bildern, Altdorf 1966.


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Februar - Drapoling
   
KuIT_Text: Irgendwann, in den ersten Tagen des Februar, hat jemand auf seiner Trompete ein paar verlorene Töne des alten Katzenmusikmarsches aus der Erinnerung zusammengesucht. Damit war das Zeichen gegeben: denn seither ist die Melodie in den Dörfern nicht mehr verstummt, und der hämmernde Rhythmus wurde eins mit dem Pochen unseres Blutes. Jetzt treiben die frechen Drapolinge ihr Wesen.
Fröhlich leuchten die grünen, gelben und roten Stoffstücke ihrer Gewänder vor dem trüben Februarschnee. Ein paar Buben und Mädchen necken die wilden Gestalten. Aber oho! Die stampfen schrecklich mit den Füssen, so dass die vielen Schellen an ihren Gürteln bedrohlich klirren. Sie schwingen ihre Stricke, Kuhschwänze und Schweinsblasen, und hui – zerstiebt der Kinderschwarm schreiend in alle Richtungen!»

Iten Karl, Das Urner Jahr, Eine volkskundliche Holzschnitzfolge in einzelnen Bildern, Altdorf 1966.


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März - Wegkechte
   
KuIT_Text: «Jetzt ist die stille Zeit zwischen Winter und Frühling. Die Wegknechte im Bergdorf stechen mit ihren schweren Schaufeln grosse Blöcke aus den Mauern von Schnee, die sich hier aufgetürmt haben. Sie beladen damit einen mächtigen Hornschlitten, und einer von ihnen zieht – umbellt von seinem Hund – die weisse Last zum verschneiten Dörfchen hinaus. Lustig wippt die eingesteckte Schneeschaufel auf dem schwankenden Gefährt, und schon verschwindet das rote Halstuch des Wegknechts im blauen Schatten hinter der nächsten Stallmauer. Aber nicht für lange – denn bald hört man aus der Ferne wieder das fröhliche Gebell des Hundes, und so geht es hin und her, bis draussen im vereisten Bachtobel ein gewaltiger Schneehaufen das Ende der schweren Arbeit verkündet.»

Iten Karl, Das Urner Jahr, Eine volkskundliche Holzschnitzfolge in einzelnen Bildern, Altdorf 1966.


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April - Karfreitagsprozession
   
KuIT_Text: «Der vertraute Klang der Kirchenglocken ist in diesen Tagen verstummt. Der knarrende, ratternde, scheppernde Lärm der Raffeln tönt an seiner Stelle von den Türmen. Mit wahrem Feuereifer drehen die Buben die Kurbeln der seltsamen Instrumente, so dass die Holzhämmer immer rascher auf die groben Resonanzkörper schnellen. Gegen Abend des Karfreitags formt sich im Hauptort ein feierlich-ernster Zug. Betend und singend tragen die Männer in den Kutten die schwarzverhüllte Schmerzensmutter mit dem goldblitzenden Schwert in der Brust durch das enge gewundene Gässchen zum alten Kapuzinerkloster am Berghang hinauf. Zwischen dem hohen, efeubewachsenen Gemäuer, in dem es sommers von grünen Eidechsen raschelt, sehen die unruhig flackernden Lichter aus wie ein Zug ruhelos wandernder Armer Seelen ... , und irgendwie erinnert mich all dies an eine Prozession in einem kleinen lombardischen Städtchen.»

Iten Karl, Das Urner Jahr, Eine volkskundliche Holzschnitzfolge in einzelnen Bildern, Altdorf 1966.


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Mai - Talgemeinde
   
KuIT_Text: «Wenn die letzten Schneeflecken als helles Muster auf den dunklen Matten liegen, versammeln sich die Bewohner des Hochtales vor der Pfarrkirche im uralten Passdorf zur Talgemeinde. Die Wahl dieses Platzes scheint mir unübertrefflich: Die weltlichen Geschäfte wickeln sich so sichtbar im Machtschutz Gottes ab. Denn dahinter, im verlassenen Kirchenraum, ragen goldstarrend, in barockem Prunk, die hohen Altäre mit den alten Heiligen im üppigen Rankenwerk, und ein kaum mehr spürbarer Duft vom Weihrauch des Vormittagsgottesdienstes schwebt noch unter der Wölbung der Decke. Aber von der andern Seite des Platzes blickt finster der Turm der Burg auf die Versammlung - Sinnbild irdischen Behauptungswillens. Mit bedächtigem Schritt treten die Korporationsbürger in den Ring und sprechen ihre wohlüberdachten Worte. Und hie und da flattern - wie ein Vogelschwarm - Dutzende von Händen empor, um auf dieselbe Art wie seit den ältesten Zeiten ihre Zustimmung zu einem nutzvollen Vorschlag zu geben.»

Iten Karl, Das Urner Jahr, Eine volkskundliche Holzschnitzfolge in einzelnen Bildern, Altdorf 1966.


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Juni - Alpaufzug
   
KuIT_Text: «Noch liegt das Gebirge grau in grau im fahlen Morgenlicht. Aber auf allen Wegen und Pfaden regt es sich, und Hunderte von Tieren streben in Gruppen und Grüppchen der Passhöhe zu. Wann war das wohl, als die erste Herde hier durch auf die Alp hinüberzog? In der ewigen Wiederkehr dieses Ereignisses spüre ich den ruhigen Pulsschlag der Jahrhunderte, ahne ich die regelmässigen Gezeiten, die das Leben aller Kreatur durchfluten.
Für einmal ordnet sich sogar der nervöse Autoverkehr dem alten Brauche unter: Die Passstrasse gehört den Tieren, und das blecherne Gebimmel der Schellen und Treicheln will heute nicht mehr enden. Noch lange, nachdem es verklungen ist, bleibt mir der rhythmisch gegliederte Klang im Ohr.»

Iten Karl, Das Urner Jahr, Eine volkskundliche Holzschnitzfolge in einzelnen Bildern, Altdorf 1966.


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Juli - Heuernte
   
KuIT_Text: «Jetzt quillt das Licht in unbändiger Fülle in die düstersten Winkel der durchschatteten Täler. Im grünen Gold der Wiesen summt und zirpt und flirrt es von tausendfältigem Insektenleben. Sensen und Sicheln fressen sich gierig durch die saftigen Gräser. Auf den „Heinzen" verströmt das Heu seinen kräftigen Geruch in die laue Luft des Hochsommers. Jedoch: Diese kurze Jahreszeit gehört hier nur dem müssigen Wanderer. Für jene, die an diesen Hängen wohnen, ist sie nichts anderes als eine kurze Vorbereitung auf den nächsten Winter. Schwer beladen und mit schwankendem Schritt trägt der Bauer die köstliche Heubürde in seinen Gaden. Dann verschnauft er eine Weile. Er wischt sich den Schweiss mit dem Handrücken von der Stirne. In seinem dichten Bart steckt ein strohgelber Grashalm.»

Iten Karl, Das Urner Jahr, Eine volkskundliche Holzschnitzfolge in einzelnen Bildern, Altdorf 1966.


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August - Alpsegen
   
KuIT_Text: «Mit der hereinbrechenden Nacht wachsen die formlosen Schatten ins Unermessliche. Der Senn tritt aus der Hütte, wo der grosse, gelbe, vollmondrunde Käse, den er gemacht hat, vom Steine beschwert austropft. Mit altertümlichem Tonfall ruft der Aelpler durch die Volla die bannenden Worte in die Runde: ,,Hier, auf dieser Alp, da liegt ein goldiger Ring, da wohnt diä liäb Müätter Gottes mit ihrem herzallerliäbschte Chind!"
Als Antwort der gebannten finsteren Mächte kollert fern am Hang mit hell klapperndem Laut ein loser Stein über das lockere Geröll. Dann folgt eine lastende Stille, die drohend aus dem Dunkel starrt. In dieser ungewissen Bedrängnis kann das Schnaufen der Tiere zum tröstlichen Laut und zur stillen Gewissheit des Geborgenseins werden.»

Iten Karl, Das Urner Jahr, Eine volkskundliche Holzschnitzfolge in einzelnen Bildern, Altdorf 1966.


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September - Viehmarkt
   
KuIT_Text: «Im Dorf ist heute Viehmarkt. Schon früh am Morgen kommen die Verkäufer mit den ersten Kühen und binden sie an die schweren Eisenstangen. langsam füllen sich die Reihen mit muhenden, stampfenden, drängenden Tieren. Die schwarz­weiss-braun gefleckten Sennenhunde mit den geringelten Schwänzen trippeln aufgeregt hin und her. Unter den alten Bäumen haben die Händler ihre Ware ausgebreitet: messingblanke Kuhglocken, deren neue Lederteile im Licht des heiteren Herbsttages glänzen, dicke Bündel von Stricken und andere nützliche Dinge. Der kräftige Geruch der Tiere füllt das weite Viereck des Platzes. Die Bauern stehen – die Hände in den Hosensäcken – in Grüpplein zusammen. Sie betrachten das Vieh mit Kennerblick, loben es, tadeln es und überlegen es sich zweimal, ehe sie ein Stück verkaufen und in fremde Hände geben. Die Kühlein auf ihren silberbeschlagenen Pfeifen, die in ihren Mundwinkeln baumeln, blitzen in der milden Herbstsonne.»

Iten Karl, Das Urner Jahr, Eine volkskundliche Holzschnitzfolge in einzelnen Bildern, Altdorf 1966.


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Oktober - Metzgätä
   
KuIT_Text: «Jetzt ist der ganze Hausstand wieder versammelt. Tier und Mensch sind von der Alp zurückgekommen. In den Gässchen zwischen den steinernen Ställen schert man die blökenden Schafe. Und dann kommt der langersehnte Tag der „Metzgädä": Im Freien werden die Schweine, Schafe und Ziegen geschlachtet. Dunkel schiesst das warme Blut in die bereitstehenden Becken. Wie altes Elfenbein schimmern die Sehnen auf dem roten Fleisch der enthäuteten Körper.
Manches Fleischstück wandert in den Kamin, und gerne verheizt man Wacholderholz, damit das Rauchfleisch ein besonders würziges Aroma bekomme.
Wie liebe ich diese Zeit! Und doch birgt sie in ihrem Kern schon den Keim des Verfalls. Denn weit weg, in einem fernen Himmel, liegt die Ahnung von frühem Schnee und von einem langen Winter.»

Iten Karl, Das Urner Jahr, Eine volkskundliche Holzschnitzfolge in einzelnen Bildern, Altdorf 1966.


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November - Allerheiligen
   
KuIT_Text: «Diese Nächte gehören den Toten. Die Friedhöfe sind goldene Inseln im frühen Dunkel des sterbenden Jahres. Auf allen Gräbern brennen Kerzen: hundert, aber hundert, ein Heer von schwankenden Lichtern im Wind. Einem Kinde müssten sie ein Fest bedeuten ... Uns aber steigen ferne Ahnungen sachte empor: So duftete der Weihnachtsbaum, nach heissem, tropfendem Wachs! Der kühle Abend macht uns frösteln. Denn dieses Heer von rauchenden Lichtern liegt ferner noch als alles Erinnerbare.»

Iten Karl, Das Urner Jahr, Eine volkskundliche Holzschnitzfolge in einzelnen Bildern, Altdorf 1966.


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Dezember - Samichlaus
   
KuIT_Text: «Still, als gehorchten sie nicht dem Gesetz der Schwerkraft, schweben die ersten Schneeflocken zur Erde nieder. Die Kinder drücken ihre Nasen an den Fensterscheiben platt und blicken mit ängstlichen und erwartungsvollen Augen in die Finsternis hinaus, ob schon etwas vom Samichlaus zu erspähen sei. Endlich tönt ein feines Klingeln im Haus­ gang, und schwere Schuhe poltern die Stiege herauf.
Staunend betrachten die Kleinen die hohen Gäste. Sie schwanken zwischen Furcht und Vertrauen, denn die Knechte in den braunen Kutten blicken finster in der Stube herum, und ihre Ruten aus zusammengebundenem Reisig verheissen nichts Gutes. Aber ihre Säcke bergen hundert Köstlichkeiten ... Später verschwinden die dunklen Gestalten wieder in der Nacht. Die fallenden Flocken schliessen sich wie ein Vorhang hinter ihnen. Ihr Weg ist noch weit, denn alle Altdorfer Kinder sollen in diesen Tagen ihren Sack voll Nüsse, Lebkuchen und Apfelsinen bekommen.»

Iten Karl, Das Urner Jahr, Eine volkskundliche Holzschnitzfolge in einzelnen Bildern, Altdorf 1966.


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Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Impressum / Angaben ohne Gewähr / letzte Aktualisierung: 04.01.2020