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Ansprachen zum Nationalfeiertag

1960

Montag, 1. August 1960



Sujet: Höhenfeuer (goldene Flammen) auf rot-weissem Band
Zweck der Bundesfeierspende: Stipendienfonds zugunsten von Jugendlichen in Berufsausbildung

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Wort des Landammanns zur Bundesfeier 1960
Landammann Hans Villiger


«Getreue, liebe Mitbürger,
In ernster Zeit schickt sich das Schweizervolk an, den Tag der Gründung unserer schweizerischen Eidgenossenschaft würdig zu begehen. Die Welt ist im Umbruch, die Umdeutung aller Werte ist im vollen Gange, politische und weltanschauliche Gegensätze werden zum Abgrund, der Mensch will die tiefsten Geheimnisse der Schöpfung ergründen und falsche Weltuntergangspropheten verkünden ihre unheilvollen Thesen, In diesem unerhörten Spannungsfeld menschlicher Gegensätze geht jedem Eidgenossen die Stunde auf, in der er sich auf die bewährten Fundamente des schweizerischen Staatswesens besinnt und die da heißen: Freiheit, Unabhängigkeit, Recht, Hilfsbereitschaft und christlicher Glaube. Nur unter Ausrichtung auf diese Grundsätze, welche wir heute als richtig und durch die Jahrhunderte gefestigt erkennen, war es möglich, eine derartige Vielfalt der Stämme, der Sprachen und der Konfessionen zu einer Nation untrennbar zusammenzuschweißen. Ueber alle diese Unterschiede hinweg hat ein freier Wille, der Respekt vor der Persönlichkeit des einzelnen und das Bekenntnis zum christlichen Glauben, die Eidgenossen zu einem einzigen Volk von Brüdern zu vereinen vermocht.

Haben wir so die Grundlagen unseres demokratischen Staatswesens erkannt, darf der Tag der Bundesfeier nicht bloß zu einem Fest unter Festen werden. Was diesen Tag auszeichnen soll ist der Gedanke an die Zukunft, Es gilt, das von den Vätern ererbte Gut stets neu zu erwerben, um es auch endgültig zu besitzen. Das tiefe eidgenössische Bewußtsein heißt nicht nur Stolz auf die Vergangenheit, es heißt gleichermaßen Verantwortung gegenüber dem Heute und dem Morgen. Die glorreichen Taten unserer Altvordern, die Epochen des Ausbaues unserer staatlichen Institutionen und die Zeiten der Erhaltung und Bewährung unserer nationalen Fundamente müssen heilige Verpflichtung der Nachfahren sein. An Gelegenheiten, den beharrlichen Willen zur Erhaltung der Unabhängigkeit, Freiheit und Unversehrtheit unserer Heimat zu bekunden, fehlt es nicht. Die Behauptung unserer Neutralität nach außen, die Vertiefung des konfessionellen, politischen und sozialen Friedens nach innen verlangen immer und immer wieder den restlosen Einsatz des Bürgers. Die wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften dürfen nicht als selbstverständlich betrachtet werden, sie sind die Früchte unermüdlichen Fleißes und beharrlicher Arbeit. Hier ist es insbesondere die Jugend des Landes, welche berufen ist, dieses Erbe zu übernehmen und ihm durch gläubige Hingabe neuen Inhalt und menschlichen Wert zu verleihen. Unsere Jugend ist aufgerufen zu vermehrter Beteiligung an der Erhaltung und Weiterentwicklung unseres aus eigenem Boden gewachsenen Staatswesens. Nie darf es so weit kommen, daß mit der Zeit das Wesentlichste an der Demokratie verloren geht: die Mitarbeit des Volkes selbst. Die entscheidende staatspolitische Kraft liegt beim Bürger selbst. Ganz in diesem Sinne ist denn auch die diesjährge Bundesfeiersammlung der beruflichen Ausbildung der Jugend gewidmet. Es sollen Stipendien ausgerichtet werden, um tüchtigen jungen Leuten beiderlei Geschlechtes die Vorbereitung auf einen Beruf zu erleichtern. Es ist selbstverständlich, dass mit einer sorgfältigen beruflichen Ausbildung auch die gewissenhafte Heranbildung der jungen Leute zu guten Menschen und Bürgern Hand in Hand gehen muss, was angesichts der zum Teil wenig erfreulichen Zeiterscheinungen und deren Einflüsse auf die Heranwachsende Jugend wichtiger ist denn je. Die Bundesfeiersammlung 1960 sei daher der ganzen Bevölkerung zur großherzigen Berücksichtigung wärmstens empfohlen.

Wenn am Abend des 1. August die Glocken unserer Kirchen und Kapellen ihre ehernen Stimmen erheben — die löbl. Kirchenräte und Pfarrämter bitten wir, auch dieses Jahr wieder das schöne Festgeläute von 20.00 bis 20.15 Uhr in allen Pfarr- und Filialkirchen zu veranstalten — dann wollen wir bedenken, daß der unbeugsame Wille zur Freiheit, der Widerstandsgeist und die kompromißlose Verteidigungsbereitschaft es erreichen werden, daß wir allen Gefahren für den Bestand unserer Heimat in Gegenwart und Zukunft mit Hilfe des Allerhöchsten zu begegnen in der Lage sind. Die schlichte Bundesfeier, welche in allen Gemeinden des Schweizerlandes veranstaltet wird, ist der äußere Anlaß, um uns sowohl der unabdingbaren Grundlagen unseres demokratischen Staatswesens als auch der Verantwortung und Verpflichtung der Zukunft gegenüber so recht bewußt werden zu lassen. Einigkeit und Stärke, Mut und Gottvertrauen mögen unser Vaterland vor Zwist und Zerfall bewahren. Vertrauensvoll befehlen wir Euch, getreue, liebe Mitbürger, und das ganze Volk der Eidgenossen samt uns in den immerwährenden Machtschutz des Allerhöchsten.»

20.07.1960 / Abl UR 1960, S. 617 ff.

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(Angaben folgen)

 

 

Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Angaben ohne Gewähr / letzte Aktualisierung: 22.08.2021