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Ansprachen zum Nationalfeiertag

1965

Sonntag, 1. August 1965



Sujet: Bundesbrief (Papierrolle) mit rotem Band und Schweizer Kreuz
Zweck der Bundesfeierspende: Schweizer im Ausland; Auslandschweizer-Sekretariat der Neuen Helvetischen Gesellschaft (NHG)

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Wort des Landammanns zur Bundesfeier 1965
Landammann Dr. Alfred Weber


«Getreue, liebe Mitbürger,
Wiederum naht der Tag des 1. August, an welchem das ganze Schweizervolk dankbar der Gründung unserer schweizerischen Eidgenossenschaft gedenkt. In einer Zeit der fundamentalen Auseinandersetzungen einerseits und der europäischen Zusammenschlüsse anderseits gewinnt die Gedenkstunde des Nationalfeiertages eine besondere Bedeutung.

Uri steht dieses Jahr im Zeichen der Tellspiele in Altdorf und der Inauguration der Eisenplastik «Rütlischwur» von Werner Witschi drunten am stillen Gestade des Urnersees. In einer Welt, in welcher in weiten Teilen immer noch die Unfreiheit herrscht, dürfen wir uns starken Mutes und frohen Herzens unserer Freiheit und Unabhängigkeit freuen. Unsere Generation lebt noch tief verbunden mit der geschichtlichen Tradition, wir begründen unsere staatspolitische Stärke in der Geschichte der Vergangenheit. Wir sind stolz auf diese Bindung zur Geschichte, zur Familie, zur Gemeinde, zum Staat und wir sind uns bewußt, daß hier die Wurzeln und die Stärke unserer Gemeinschaft liegen. Dieser Gemeinschaftsgedanke, diese unverbrüchliche Einheit von deutsch zu welsch, von italienisch und romanisch, von Religion, Sitte und Kultur, mit einem Wort diese Vielfalt in der Einheit, sie wird prägnant und sinnfällig zum Ausdruck gebracht in der von der Stadt Lausanne dem Kanton Uri großherzigerweise geschenkten Expo-Plastik-«Rütlischwur» des Berner Bildhauers Werner Witschi. Hier besitzt Uri ein Werk von größter Eindrücklichkeit und Aussagefähigkeit, welches den Grundgedanken der schweizerischen Eidgenossenschaft in zeitgenössischer Gestaltung einprägsam zu symbolisieren vermag.

Indessen dürfen wir nicht einzig und allein der Geschichte und der Tradition verhaftet bleiben. Wir leben in der Gegenwart und aus dieser Gegenwart heraus müssen wir die Zukunft gestalten. Wir haben aus der Tradition Sicherheit erhalten, wir leben geordnet in Frieden und Freiheit, jetzt gilt es, der Schweiz von morgen die Grundlagen zu geben, die zur Erhaltung all des Errungenen und Erreichten notwendig sind. Müssen wir hier nicht gerade an Friedrich Schiller denken, welcher den alten Attinghausen sagen läßt: «Das Neue dringt herein mit Macht, das Alte, Würd’ge scheidet, andere Zeiten kommen, es lebt ein andersdenkendes Geschlecht». Wenn wir von der Schweiz von morgen sprechen, dann kommen wir um die Feststellung nicht herum, daß der Bundesstaat von 1848 nicht mehr der gleiche wie heute und morgen ist. Die staatspolitischen Diskussionen der jüngsten Vergangenheit lassen klar erkennen, daß unser Staatssystem der Zeitentwicklung angepaßt werden muß bei aller Berücksichtigung der Tatsache, daß dem Kleinstaat Grenzen gesetzt sind. Vor allem dürfen wir innenpolitisch den Grundsatz des Föderalismus nicht übersehen, welchem der Zeitgeist allerdings nicht besonders gewogen zu sein scheint: Technik, Handel und Wandel und Planungen aller Art drängen auf Unifizierung und Zentralisierung und damit auf eine Entwicklung, welche je länger je mehr von der Grundidee unserer Verfassung abweicht, welche nicht nur gleichberechtigte, sondern auch gleichstarke Stände schaffen wollte. Alles in allem setzt die Bewahrung jeden Freiheitsrechtes andauernde Opferbereitschaft voraus. An dies wollen wir uns erinnern, wenn wir an eine starke Schweiz von morgen denken.

Wie jedes Jahr, so wird auch heuer wieder eine gesamtschweizerische Bundesfeiersammlung durchgeführt. Diesmal soll ihr Ertrag den Auslandschweizern zugute kommen, ihren Schulen und ihrem Solidaritätsfonds. Damit der ausgewanderte Schweizer nicht zu einem Verlust für die Heimat wird, müssen wir die Verbindung mit ihm aufrecht erhalten. Diesem Ziele dient die diesjährige Bundesfeiersammlung, welche wir anmit unsern Mitbürgern recht herzlich empfehlen. Schließlich bitten wir die löbl. Kirchenräte und Pfarrämter, für das traditionelle Festgeläute von 20.00 - 20.15 Uhr in allen Pfarr- und Filialkirchen besorgt zu sein. Sodann mögen am Abend unseres vaterländischen Gedenktages die Feuerzeichen auf den Bergen als Symbole der Freiheit auflodern und die Bevölkerung laden wir ein, die Gebäude zu beflaggen, damit Glocken, Feuerzeichen und Fahnen von der unverbrüchlichen Liebe und Treue zur angestammten Heimat künden. In diesem Sinne empfehlen wir Euch, getreue, liebe Mitbürger, und unser Land samt uns in den immerwährenden Machtschutz des Allerhöchsten.»

21.07.1965 / Abl UR 1965, S. 601 ff.

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(Angaben folgen)

 

 

Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Angaben ohne Gewähr / letzte Aktualisierung: 22.08.2021