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Ansprachen zum Nationalfeiertag

1984

Mittwoch, 1. August 1984



Sujet: Gefalteter Stoff mit Schweizer Kreuz und Blumenmuster
Zweck der Bundesfeierspende: Schweizer im Ausland; Auslandschweizer-Sekretariat der Neuen Helvetischen Gesellschaft (NHG)

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Wort des Landammanns zur Bundesfeier 1984
Landammann Josef Brücker


«Am 1. August feiert die Schweiz traditionsgemäss ihren Geburtstag. Ein willkommener Anlass zu froher Feier und zu besinnlicher Rast im betriebsamen Alltag.

Wir Schweizer haben tatsächlich Grund, unseren Nationalfeiertag froh zu begehen. Wir haben nämlich eine schöne und lebenswerte Heimat, auch wenn ihr manche, auch unnötige Wunden zugefügt worden sind. Wir besitzen auch eine leistungsfähige Wirtschaft, auch wenn die Arbeitslosigkeit leider immer noch zu gross ist und die Zukunft echte Sorgen bereitet. Wir erfreuen uns eines umfassenden Sozialwesens, auch wenn die Lasten gross geworden sind. Vor allem aber haben wir alle miteinander die Möglichkeit, in Kenntnis früherer Fehler und Unterlassungen unser Land und unsere Zukunft selber zu gestalten, ohne dabei unsere Verpflichtungen andern Völkern gegenüber zu vergessen.

Die Schweiz von heute ist das Ergebnis einer vielhundertjährigen Entwicklung mit Höhen und Tiefen, mit Abirrungen und Entzweiungen, aber auch mit glückhaftem Sichwiederfinden und Sichbehaupten. Sie ist mit ihren verschiedenen Sprachen, Konfessionen, Abstammungen, Temperamenten und Denkweisen, aber auch mit ihren unterschiedlichen geographischen, geschichtlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen eine erstaunliche Nation, die nur durch eine gemeinsame Idee zusammengehalten werden kann. So liegen denn auch die grössten Gefahren für unser Land nicht in der Bedrohung von aussen oder in der wirtschaftlichen Entwicklung, sondern vielmehr im schleichenden Verlust an Gemeinsamkeiten und Konsens, der leider nicht zu bestreiten ist. Diesem Verlust gilt es zu wehren.

Gemeinsamkeiten und Konsens sind nicht unveränderliche Grössen, sie müssen im Gegenteil immer wieder neu gesucht und gefunden werden. Dazu bedarf es des allseitigen, engagierten, aber auch geduldigen Gesprächs. Unsere Demokratie ist nicht eine Staatsform der raschen Entschlüsse und Beschlüsse, sondern der Geduld und des Erdauerns. Ohne überzeugenden Dialog und ohne nicht erlahmende Beharrlichkeit lassen sich neue Ideen nicht verwirklichen. Das ist für die stürmische Jugend, aber auch für viele bejahrte Menschen schwer zu begreifen. Sie möchten rasche Änderungen oder Rettungsaktionen. Bei allem Verständnis für diese Haltung darf man doch nicht vergessen, dass dieses Erdauern unser Land schon vor manchem Fehlentscheid bewahrt hat.

So leisten wir unserem Vaterland einen grossen und staatserhaltenden Dienst, wenn wir das Gespräch in der Familie, in den Kirchen und Schulen, zwischen den Generationen, den Interessengruppen und Landesteilen wieder vermehrt pflegen. Wir werden dabei, wenn wir nicht nur reden, sondern auch zuhören, leicht feststellen, dass es unter uns keine Feinde, sondern nur Menschen mit andern Ansichten gibt.

Wir wollen den Dialog ehrlich pflegen. Wir wollen uns aber auch einen Staat bewahren, der alsdann imstande ist, demokratisch gefällte Mehrheitsbeschlüsse durchzusetzen. Ein schwächlicher Staat nützt auf die Dauer niemandem, am wenigsten den Minderheiten.
An diesem Tag haben wir auch allen Grund, Gott zu danken, in dessen Namen unsere Vorfahren ihren Bund gegründet haben. In diesem Sinne wünschen wir allen einen frohen und besinnlichen Feiertag.»

27.07.1984 / Abl UR 1984, S. 693 f.

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(Angaben folgen)

 

 

Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Angaben ohne Gewähr / letzte Aktualisierung: 22.08.2021