BRAUCHTUM

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Ansprachen zum Nationalfeiertag

1991

Donnerstag, 1. August 1991



Sujet: Strohzopf mit Stoffband mit Schweizer Kreuzen
Zweck der Bundesfeierspende: ländliche Bauten und Siedlungen

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Botschaft Bundesfeier 1991
Landammann Ambros Gisler


«Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Der Bundesfeiertag 1991 steht eindeutig im Zeichen des Jubiläums 700 Jahre Schweizerische Eidgenossenschaft. Mit Reden, Feuer und Licht hat Bundespräsident Flavio Cotti das Jubiläumsjahr am 10. Januar in Bellinzona offiziell eröffnet. Unzählige kleine und grosse Veranstaltungen in direktem oder indirektem Zusammenhang mit der 700-Jahr-Feier haben bereits stattgefunden, weitere werden folgen.

Das Fest der Eidgenossenschaft, das die Feier des Geburtstages des Schweizerbundes zum Ziele hat, beginnt am nächsten Mittwoch mit dem Tag der Jugend auf dem Rütli. Rund 3 000 Kinder aus allen Gemeinden der Schweiz erhalten vom Bundespräsidenten eine Botschaft, die sie am 1. August in ihrer Wohngemeinde verlesen werden. Und am 1. August halten Gäste und Volk um die Mittagszeit eine der Tradition der Stätte entsprechende Rütligemeinde. Grussadressen der Urschweizer Kantone an alle Mitlandsleute schlagen dabei den Bogen von der Zeit der Urschweizer Eidgenossenschaft zur Gegenwart.

Für uns Urner steht jedoch die Tellspielpremière vom 27. Juli im Mittelpunkt der kantonalen Ereignisse. Friedrich Schillers Freiheitsdrama «Wilhem Teil» wird mit den rund 30 Aufführungen in den Monaten August und September viele Gäste aus dem In- und Ausland nach Altdorf ziehen. Die Festaufführungen dieses Freiheitsdramas sind von brennender Aktualität. Was ist eigentlich Freiheit? Freiheit ist ein viel missbrauchtes Wort. Freiheit ist heute bedroht wie eh und je. In der erwähnten Grussadresse von Uri an der Rütlifeier werden wir vernehmen, «dass Geschichte fliesst, und mit ihr... Schicksale, Handel und Wandel, Sitten und Ideen fliessen». Ein Blick auf die Entwicklung im umliegenden Europa und auf die europäische Gemeinschaft bestätigt diese Aussage. Die Neuordnung Europas sowie eine gewisse Vertrauens- und Identitätskrise im eigenen Land fordern von uns eine Besinnung und grundlegende Neuorientierung.

Wir Urner sind bereit, uns diesem Wandel zu stellen. Wir wissen auch, dass aktive Mitarbeit im Bundesstaat nicht nur bedeutet, Rechte zu beanspruchen, sondern ebenso sehr Pflichten wahrzunehmen. 1291 haben im zentralalpinen Raum drei kleine Gemeinschaften ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen. Wenn wir heute auch nicht mehr die gleiche führende Rolle wie zur Gründungszeit der Eidgenossenschaft beanspruchen, haben wir doch in wichtigen Fragen mitzureden. Wir denken dabei an unsere Umwelt, an die Bewältigung des Strassen- und Schienenverkehrs am Gotthard, an die Sicherung der Arbeitsplätze und sozialen Einrichtungen. Mehrere Bürgerinnen und Bürger haben uns in letzter Zeit zu verschiedenen Fragen und Aufgaben ihre Besorgnis ausgedrückt. Wir sind aufgerufen, diese vielfältigen Zukunftsaufgaben mit vereinten Kräften zu bewältigen. Hiezu sind neue Ideen, Ausdauer und Geduld, insbesondere aber die Mitarbeit und Unterstützung sämtlicher Bevölkerungskreise notwendig. Mit dieser Mitarbeit, mit all unseren Anstrengungen erreichen wir, dass wir unsere Eigenständigkeit und unser urnerisches Selbstbewusstsein bewahren können. Wir bekennen uns sehr wohl zur Mitarbeit im Bundesstaat und zur Übernahme von Mitverantwortung, verbunden mit unserer Treue zur Heimat. Denn — um mit Richard von Weizsäcker zu reden - «Heimat ist nicht nur dort, wo man geboren ist. Heimat ist der Ort, wo man in Verantwortung genommen wird und verantwortlich sein kann.» In diesem Sinn richten wir mit dem Bund unseren Blick auf das Wohl der ganzen Schweiz. Wir erklären uns mit den übergeordneten Anliegen solidarisch. Gleichzeitig erwarten wir aber, dass sich der Bund unseren Bedürfnissen nicht verschliesst und wie bis anhin als fairen Partner erweist.

Im Zusammenhang mit den Tellspielen haben wir den Freiheitsgedanken angesprochen. Wir halten bei all unseren Tätigkeiten diesen Gedanken aufrecht. Die Gestalt von Wilhelm Teil ist in der ganzen Welt zum Symbol geworden. Auch eine kürzlich erschienene Teil-Biographie beurteilt den Teil nicht als reines Phantasiegebilde, sondern als Helden einer mutigen Tat, der weltweit zum Verkünder des Rechts und der Freiheit geworden ist und als solchen Achtung und Beachtung verdient. Die Figur des Teil steht im Bewusstsein der Menschen immer für etwas oder gegen etwas: für Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, kurz für das Gute — oder gegen die Obrigkeit, die Unterdrückung, also gegen das Böse. Dieses Freiheitssymbol hat für uns nach wie vor nicht an Kraft eingebüsst. Zusammen mit dem Bund und seinen Gliedstaaten sind wir bereit, im Zeichen dieser Freiheit wertvolle Neuerungen zu prüfen, gemeinsame Wege zur Lösung der anstehenden Probleme zu suchen und verantwortungsbewusst zu handeln.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, das Rütli, das für die Bundesfeier im Jubiläumsjahr Volk und Behörden aufnehmen wird, gilt als Ort der Begegnung und als Besinnungsstätte. Mit diesem Geist des Rütli wünschen wir Euch einen besinnlichen und frohen 1. August und benützen die Gelegenheit, um Land und Volk dem Machtschutz Gottes zu empfehlen.»

26.07.1991 / Abl UR 1991, S.896 ff.

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(Angaben folgen)

 

 

Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Angaben ohne Gewähr / letzte Aktualisierung: 22.08.2021