BRAUCHTUM

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Ansprachen zum Nationalfeiertag

1992

Samstag, 1. August 1992



Sujet: Roter Klipp mit Schweizerkreuz
Zweck der Bundesfeierspende: Ortsbild- und Denkmalpflege

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Bundesfeier 1992
Landammann Dr. Hansruedi Stadler-Ineichen


«Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger

Im vergangenen Jubiläumsjahr haben wir uns eine Besinnungspause gegönnt. Heute gilt es, unseren Weg fortzuschreiten. Dieser Weg zeichnet sich aber nicht durch klare Linien aus. Vielmehr sind Führungs- und Orientierungslosigkeit oder Vertrauensdefizit Schlagworte, mit denen wir uns auseinandersetzen. Umso wichtiger ist es, das Ziel zu erkennen, auf das wir zusteuern wollen. Drei Gedanken mögen uns dabei begleiten. Ich meine die Vergangenheit als Ausgangspunkt, die Grundwerte als Richtschnur und die Bereitschaft zum Wagnis.

Der Blick in die Vergangenheit soll nicht nur verklärt, er soll uns auch Mahnung sein. Viel Unheil droht in divergierenden Interessen von Stadt und Land, von Sprachgruppen und Kulturen. An entsprechenden Zerreissproben hat es in der Vergangenheit nicht gefehlt. Denken wir doch etwa an die Zeiten der Reformation, der französischen Revolution und an die Anfangsjahre unseres Bundesstaates. Trotz allem ist unser Land für viele Menschen Heimat geworden und wird auch heute noch Heimat. Heimat als Ort, wo wir uns wohlfühlen. Diese Heimat ist geprägt vom gegenseitigen Verständnis und von der Rücksichtnahme.

Auf dem Weg in die Zukunft, die von uns wichtige Entscheidungen verlangt, mögen uns die Grundwerte der Freiheit und Toleranz, der Solidarität, der Verantwortung vor dem Leben, der Subsidiarität und des Föderalismus begleiten. Der Grundsatz der Freiheit und Toleranz gründet auf der absoluten Anerkennung der Menschenwürde. Dabei ist Freiheit nicht als ungezügeltes Laisser-faire zu bezeichnen. Denn jede Freiheit findet ihre Grenzen dort, wo jene der Mitmenschen beginnt. Solidarität, mithin der zweite Grundwert, den wir auf unseren Weg mitnehmen wollen, leitet sich von der Menschenwürde ab. Es darf keine Politik, kein Ziel geben, das diese sozialethischen Grundwerte vernachlässigt. Solidarität verpflichtet die einzelnen Menschen wie auch die einzelnen Staaten. Dabei ist nicht nur der Nachbar, sondern sind ebenso die Flüchtlinge und die hungernden Menschen gemeint. Auch der dritte Grundwert, die Verantwortung vor dem Leben, gehört zum menschenwürdigen Dasein. Nur wer jedem Menschen und der ganzen Umwelt die gebührende Achtung schenkt, bewegt sich in jenen Bahnen, die letztlich Ziel der Gesellschaft, Ziel der Politik bedeuten. Und schliesslich sind die Grundsätze der Subsidiarität und des Föderalismus Grundwerte, auf die wir uns beim entscheidenden Schritt in die Zukunft besinnen wollen. Was der Einzelne oder die kleine Gemeinschaft vermag, soll nicht der übergeordnete Gesellschaftsträger erledigen. Und was wir dem Föderalismus verdanken, wollen wir nicht einer grösseren Gemeinschaft ersatzlos opfern. Auch der Weg nach Europa muss Wege finden, die dem föderalistischen Gedankengut entsprechen.

Mit dem Wissen über unsere Wurzeln und unsere Identität und mit den aufgezeigten Grundwerten dürfen wir uns getrost auf den Weg machen. Auf den Weg, der uns Entscheidungen abringen wird, die für uns und unsere Kinder von existentieller Bedeutung sind. Die Schweiz muss sich, ob sie dies will oder nicht, auch aussenpolitisch neu orientieren. Ein traditioneller Alleingang ist heute keine Lösung mehr. Dabei dürfen wir vor Wagnissen nicht zurückschrecken. Denn alles, was einmal gelungen ist, musste auch einmal gewagt werden. Solchen Wagnissen verdankt die Schweiz bis heute ihre Existenz, und weitere Wagnisse drängen sich auf.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, in diesem Sinne lade ich Sie ein, mit uns den Weg in die Zukunft zu gehen. Ich bin überzeugt, dass mit der notwendigen Offenheit und mit der Bereitschaft zum Wagnis, stets eingedenk der Grundwerte, das Ziel erreichbar ist und die Schweiz als Einheit, aber in kultureller Vielfalt, eine lebenswerte Zukunft hat.»

31.07.1992 / Abl UR 1992, S.1152 f.

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(Angaben folgen)

 

 

Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Angaben ohne Gewähr / letzte Aktualisierung: 22.08.2021