BRAUCHTUM

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Ansprachen zum Nationalfeiertag

1993

Sonntag, 1. August 1993



Sujet: Schweiz mit Kugelbalancespiel (4 Kugeln für ein Sprachgebiet)
Zweck der Bundesfeierspende: Existenzgründung und Integration von Arbeitslosen

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Bundesfeier 1993
Landammann Dr. Hansruedi Stadler-Ineichen


«Wieviel Heimat braucht der Mensch?
«Heimat ist dort, wo man sich wohlfühlt und verstanden wird.»

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Anlässlich der Bundesfeier sprechen wir immer wieder von Heimat. Freude und Nostalgie schwingt mit, wenn wir das Wort «Heimat» hören. Man wird häufig als antiquiert angesehen, wenn man von Heimat spricht. Gerade deshalb wollen wir heute einige Gedanken dazu anstellen.

Heimat, das ist wenn...
Es ist nicht einfach, den Begriff «Heimat» genau zu umschreiben. Fast jeder von uns erinnert sich aber an Situationen in der Fremde, in denen wir uns einsam und verlassen vorgekommen sind. Wenn wir in einem solchen Augenblick zufällig einem Menschen aus unserer Umgebung begegnen, der das gleiche Dorf kennt und die gleichen Bekannten hat, ist unsere Einsamkeit verflogen, man fühlt sich wieder sicherer. Heimat kann vieles sein: das persönliche soziale Umfeld, das Dorf, der Kanton, der Verein, die politische oder religiöse Gesinnung etc. Die Heimat eines andern kann nie mit der eigenen verglichen werden, ist doch die Heimat jedes einzelnen mit ganz persönlichen Erinnerungen verbunden. Heimat hat mit den eigenen Wurzeln und der eigenen Identität zu tun. Man kann somit sagen, «Heimat» ist ein Begriff, der Gefühle weckt. Heimat hat mit Vertrautheit und damit mit Sicherheit zu tun. Heimat ist dort, wo wir uns wohl und verstanden fühlen.

Global denken — lokal fühlen
Viele Probleme der Zukunft, wir denken dabei an die Wirtschaft, den Verkehr etc., sind grenzüberschreitend und können auch nur gemeinsam mit anderen Staaten gelöst werden. Der Heimatbegriff der Zukunft dürfte deshalb lauten: «global denken — lokal fühlen”. Man muss sich gleichzeitig auf die kleinen und die grösseren Einheiten besinnen. Das heisst auf der einen Seite das überschaubare Quartier, das Dorf, der Kanton, und auf der anderen Seite die Schweiz und die andere Staatengemeinschaft. Aber auch wenn die Mobilität der Menschen heute gestiegen ist, heisst das nicht, dass das Bedürfnis nach Heimat geringer geworden ist, eher der umgekehrte Fall dürfte zutreffend sein. Auch in Zukunft wird das gefühlsmässige Bedürfnis nach heimatlicher Vertrautheit und Geborgenheit bestehen. Zu denken ist dabei auch an das Bedürfnis nach überschaubaren Gemeinschaften, innerhalb deren auch politische Entscheide leichter nachvollziehbar sind, als wenn solche Entscheide allein von einem zentralstaatlichen Moloch erlassen würden.

Uri — als Heimat mitgestalten
Kehren wir von einer Reise in unseren Kanton zurück, spüren wir doch beim Ausblick von der Axenstrasse in die Reussebene oder beim Begegnen mit dem ersten bekannten Gesicht «Heimat». Wir rufen Sie auf, diese Heimat Uri aktiv mitzugestalten. Gerade in der heutigen Zeit hat jeder einzelne seinen Beitrag zu unserer «Heimat» zu leisten, sei dies in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Kirche, in Behörden, in Vereinen und anderen Gemeinschaften, so dass unser Kanton auch in Zukunft für unsere Kinder Heimat ist und Heimat wird.

«Wieviel Heimat braucht der Mensch?» lautet die berühmte Frage von Jean Amry. Trotz der heutigen grossen Mobilität braucht der Mensch Heimat. Dabei bedeutet Heimat das persönliche soziale Umfeld, die Familie, die Gemeinschaft mit Freunden usw. Je unsicherer ein Mensch ist, desto mehr braucht er Heimat. Die Heimat gibt uns einen Rahmen für das Leben.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wir wünschen Ihnen eine schöne Bundesfeier.»

30.07.1993 / Abl UR 1993, S. 856 f.

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Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Angaben ohne Gewähr / letzte Aktualisierung: 22.08.2021