BRAUCHTUM

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Ansprachen zum Nationalfeiertag

1995

Dienstag, 1. August 1995



Sujet: Roter Würfel mit Schweizer Kreuz
Zweck der Bundesfeierspende: Frauenorganisationen

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Aufruf des Urner Landammanns zum 1. August 1995
Landammann Alberik Ziegler


«Alle Jahre wieder feiern wir den Geburtstag unserer Eidgenossenschaft. Wir rühmen uns, eine der ältesten Demokratien der Welt zu sein und freuen uns, dass es die Schweiz der vier Sprachen und Kulturen noch gibt. Wir fühlen uns keineswegs abbaureif. Diese Feststellung darf indessen Besinnung, Diskussion und auch Kritik keineswegs ausschliessen. Und obwohl in unserem Land die demokratischen Ideen weiterfortgeschritten sind und konsequenter durchgeführt werden als in den meisten anderen Staatswesen der Welt, übt dieser Geburtstag für viele Mitbürgerinnen und Mitbürger, auch für mich persönlich, immer wieder neu eine besondere Anziehungskraft aus. Dabei kommt erfreulicherweise zum Ausdruck, dass wir immer noch ein Geschichtsbewusstsein haben und dieses auch pflegen wollen. Wenn wir dafür keinen Sinn mehr hätten, und uns nur mit Tagesaktualitäten herumschlagen würden, könnten wir auch kein Vertrauen in die Zukunft entwickeln. Genau das brauchen wir heute so dringend; dieses Vertrauen in die eigene Zukunft, in die Zukunft unserer Schweiz, einer Schweiz, die vorwärts und nicht rückwärts auf die Jahrtausendwende zugeht, einer Schweiz, die offen, tolerant und solidarisch auf neue Entwicklungen reagiert. Darum ist es wichtig, dass wir gemeinsam den Geburtstag unserer Heimat feiern, denn es geht um mehr als eine Standortbestimmung, es geht auch um unsere Zukunft. Wenn wir uns mit dem auseinandersetzen, was 1291 passiert ist, vor allem mit den Lehren und Folgen, so stellen wir fest, dass damals Zeichen gesetzt wurden, die weit über die Tagesaktualität hinausgehen und darum Vertrauen in die Zukunft der noch jungen Eidgenossenschaft gegeben haben. Es sind Zeichen gesetzt worden, die bis auf den heutigen Tag aktuell sind und für die Meisterung unserer Zukunft ganz besonders aktuell bleiben. Lassen Sie mich das an drei solchen Zeichen aufzeigen.

1. Eine Gemeinschaft ist auf das Handeln von jedem einzelnen angewiesen
Ich habe heute oft den Eindruck, dass wir uns heute mehr und mehr zu einem Volk von passiven Zuschauern und Kommentatoren entwickeln. Das Handeln überlassen wir immer mehr und immer lieber anderen. Gleichzeitig entfalten wir aber eine eigenartige Lust, denjenigen, die im Interesse unseres Landes noch handeln wollen, Hindernis um Hindernis in den ohnehin steinigen Weg zu legen. Wir haben den Plausch, wenn wir aus dem Fernsehsessel mitverfolgen können, wie vor politischen Entscheidungen versucht wird, aus der notwendigen Meinungsbildung ein arenaartiges Spektakel mit Gewinnern und Verlierern zu veranstalten. Was anstelle sachgerechter Information übrigbleibt, sind Misstrauen, geschürte Emotionen und verhärtete Fronten. Das sind unter anderem zusammen mit einer weit verbreiteten Verunsicherung, Orientierungslosigkeit und moralischem Zerfall, die Gründe, dass auch bei uns extreme Kräfte Auftrieb haben. Gewaltakte nehmen auch bei uns zu, insbesondere gegen Randgruppen unserer Gesellschaft, aber auch gegen den Einzelnen, den Staat und seine Einrichtungen. Das sind echte Gefahren für unsere Demokratie. Wir alle sind aufgefordert, gegen solche Entwicklungen mutig Flagge zu zeigen. Sei das in der Familie, in der Schule, auf dem Pausenplatz, in Vereinen, am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeitsarbeit. Es ist tatsächlich so: Eine Gemeinschaft, die eine Zukunft haben will, ist auf das Handeln jedes einzelnen angewiesen. Nicht Zuschauer entscheiden, nicht jene, welche nur reden und immer wissen wie — vor allem nachher —, sondern diejenigen, welche handeln; diejenigen, welche die verbreitete Mentalität «Ja, aber ohne mich» durchbrechen; diejenigen, welche zu unserer politischen Kultur Sorge tragen wollen.

2. Was der einzelne allein nicht kann, kann eine Gemeinschaft im Sinne von «Zusammen ist man stark»
In einer immer komplexeren, komplizierteren, total vernetzten Hochgeschwindigkeitswelt können in unserem kleinen Land gute Lösungen nicht mehr nur von einzelnen, sondern oft nur mehr gemeinsam verwirklicht werden. Das gilt für Problemlösungen in unseren Familien, Vereinen, Parteien, unserer Wirtschaft und unseres Staates. Das gilt ebenso für die Innen- wie Aussenbeziehungen unserer Eidgenossenschaft. Dazu brauchen wir leistungs- und teamfähige Mitbürgerinnen und Mitbürger, die nicht nur gemeinsam handeln wollen, sondern auch handeln können. Nur zusammen sind wir stark, genau diese Erkenntnis hat zur Gründung unserer Eidgenossenschaft geführt. Und auf dem Rütli 1291 hat die junge Eidgenossenschaft gehandelt, gemeinsam gehandelt und im Laufe der Geschichte manche Bewährungsproben bestanden. Die Überzeugung der damaligen Verbündeten ist gewachsen, dass grosse Herausforderungen nur gemeinsam und nicht von jedem Stand einzeln und für sich allein gelöst werden können. Die einzelnen Stände haben klar realisiert: wer abseits steht, verliert Handlungsfähigkeit, wer aber als gleichberechtigter Teil des Ganzen, der Gemeinschaft, mitträgt und mitgestaltet, gewinnt an Eigenständigkeit und Souveränität. Trotzdem gab es in unserer Geschichte auch ernste Zerreissproben um die grundsätzliche Frage, ob die weitere Zukunft besser als Teil oder Ganzes zu meistern sei. Ich erinnere an die Tagsatzung von Stans im Jahre 1481. Damals gelang es Bruder Klaus, die zerstrittene Eidgenossenschaft wieder zu festigen. Ich erinnere an die konfessionellen Auseinandersetzungen im 16. Jahrhundert, welche das Staatsgefüge gefährdeten. Sieger und Besiegte hatten nach dem zweiten Kappeier Feldzug aber den festen Willen bezeugt, das eidgenössische Erbe gemeinsam weiterzutragen. Ich erinnere an die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, wo sich im Ringen um die neue Staatsform Radikale und Konservative in die Haare geraten sind. Dank staatsmännischem Weitblick im besonderen von General Dufour konnte auch diesmal eine gefährliche Spaltung vermieden werden.

Auch heute besteht, wenn ich beispielsweise an das Verhältnis der Schweiz zu Europa denke, das Spannungsverhältnis zwischen den Teilen und dem Ganzen, zwischen Offenheit und Abgrenzung. Es kommt dazu, dass der Wohlstand und die 68er-Welle unsere Wertmassstäbe verändert haben. Wir sind nicht ein «einzig Volk von Brüdern und Schwestern», vielmehr eine Nation von Einzelgängern, denen Sonderinteressen vielfach näher liegen als das Gemeinwohl. Ein neues Gefühl von Freiheit hat die Menschen erfasst. Gemeint ist allerdings nicht jene Freiheit, die mit verzichten können, mit loslassen, mit Selbsteinschränkung verbunden ist. Gemeint ist auch nicht jene Freiheit von 1291 bei der Gründung der Eidgenossenschaft. Gemeint ist vielmehr eine Freiheit, die alles will und sich in ihrer Ich-Bezogenheit von nichts und niemandem abbringen lässt. Die Wirtschaftlichkeit nimmt einen vorrangigen Platz im Denken und im Alltag des modernen Eidgenossen ein. Wir leisten viel. Deshalb können wir uns auch vieles leisten. Aber wer sich vieles leisten kann, neigt dazu, sich vieles zu erlauben. Ich bin überzeugt, dass staatliche Einheit und Einigkeit auf Dauer nur möglich sind, wenn sich die Mehrheit von Bürgerinnen und Bürgern auf eine gemeinsame ethische Grundhaltung zu einigen vermag. Die Spannung, der unser Staatswesen heute ausgesetzt ist, hat keinen militärischen, religiösen oder primär politischen Hintergrund. Es sind unterschiedliche Wertvorstellungen, die heute unsere Einheit in Frage stellen. Ich meine, dass die reiche geschichtliche Erfahrung, wie man mit Spannungen zwischen dem Ganzen und seinen Teilen umgeht, uns für die Bewältigung der gegenwärtigen und zukünftigen Spannungen hilfreich sein kann. An solchen Herausforderungen dürfte es nicht fehlen. Denn die wichtigsten Fragen, mit denen heute die Schweiz konfrontiert ist, können nur noch durch internationale Zusammenarbeit mit Aussicht auf Erfolg gelöst werden. Dabei denke ich an Fragen aus dem Bereich Wirtschaft, Flüchtlingsströme, Drogenbekämpfung, Sicherheitspolitik, Kampf gegen das organisierte Verbrechen, Umweltschutz, Verkehr, Energie und anderes mehr.

3. Einsatz für Unabhängigkeit und Menschenwürde ist kein Gegensatz
Am 1. August 1291 ist von Uri, Schwyz und Unterwalden im Bundesbrief besiegelt worden, dass man gegenseitig bei jeder Gefahr, mochte sie von aussen oder innen kommen, für ewige Zeiten mit Rat und Tat, mit Leib und Gut und auf eigene Kosten unbedingte Hilfe mit aller Macht zu leisten habe. Bundeshilfe war aber nicht nur für den Fall eines tatsächlichen Angriffes auf einen oder mehrere Orte vorgesehen, denn schon bei Bedrohung mussten die Eidgenossen einander zu Hilfe kommen. Die Verbündeten wollten aber auch keinen Missbrauch dulden. Niemand sollte sich unter Berufung auf den Bund seiner rechtmässigen Verpflichtungen entziehen dürfen. Streitigkeiten wollte man aus dem Wege gehen, denn der Bund hatte defensiven und nicht offensiven Charakter. Notfalls entschieden unparteiische Richter oder ein Schiedsgericht. In diesem Bundesbrief liegt der Ursprung einer wichtigen schweizerischen Tradition, nämlich einerseits unsere Unabhängigkeit und den Frieden in Freiheit zu erhalten, notfalls dafür zu kämpfen, andererseits sich für Recht, Gerechtigkeit und Menschenwürde einzusetzen.
Dieser zweifache Rütligeist kommt auch in der Neuorientierung unserer Sicherheitspolitik klar zum Ausdruck. Neben eigenständigen Anstrengungen, insbesondere für eine glaubwürdige Verteidigungsarmee, die auch als Zeichen des Verantwortungsbewusstseins und der Zuverlässigkeit gegen aussen begriffen wird, sind Friedensförderung, Konfliktverhinderung und grenzüber¬ schreitende Sicherheit zu bedeutenden Leitideen geworden. Unserer auf Neujahr 1995 reorganisierten Armee, die ein wichtiges Instrument dieser Sicherheitspolitik bildet, sind darum zusätzliche Aufgaben Überbunden worden. Sie hat nicht nur einen Verteidigungsauftrag, sie leistet neu auch einen Beitrag zur Friedensförderung und zum Schutze der Lebensgrundlagen unserer Bevölkerung. Unabhängigkeitswille und Bereitschaft zu internationaler Zusammenarbeit sind keine Gegensätze.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Wir stehen am Vorabend der Jahrtausendwende im Zeichen des Um- und Aufbruches. Grosse Aufgaben und Herausforderungen sind gemeinsam zu lösen. Wir brauchen ein neues schweizerisches Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Die Gründung der Eidgenossenschaft am 1. August 1291 auf dem Rütli war ein Zeichen des Aufbruchs und nicht des Stillstandes. Die Liebe zu dem, was ist, darf die Offenheit gegenüber dem, was werden will, nicht verhindern. Denn der Aufbruch zu Neuem ist kein Angriff auf die Autorität des Alten. Der damalige Rütligeist mit seiner nach wie vor aktuellen Botschaft von Solidarität, Gemeinsinn und Toleranz kann uns dabei helfen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine besinnliche 1. August-Feier und empfehle Sie im Namen des Regierungsrates dem Machtschutz Gottes.»

28.07.1995 / Abl UR 1995, S. 1036 ff.

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Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Angaben ohne Gewähr / letzte Aktualisierung: 22.08.2021