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Die Spanische Grippe in Uri (1918)

1918 war ein ereignisreiches Jahr. Nach vier Jahren endete der Erste Weltkrieg. In der Schweiz herrschten soziale Spannungen zwischen Bürgerblock und Arbeiterschaft, die in den Generalstreik führten. Zu allem Übel grassierte die «Spanische Grippe» und forderte weltweit mehr Tote als der Krieg. In Uri starben an der Influenza 220 Personen.


Der Friedhof in Bürglen mit dem Hotel Tell im Hintergrund. Bürglen und das Schächental hatten einen Grossteil der rund 220 Grippetoten zu verzeichnen. Die Totenglocken wollten nicht mehr verstummen (Foto: Staatsarchiv Uri, Fotoarchiv Aschwanden, D 00194 / 86'146).

Die Totenglocken wollten nicht verstummen
Der Name «Influenza» (lateinisch für «Einfluss») leitet sich von der bis ins Mittelalter vorherrschenden medizinisch-astrologischen Vorstellung ab, alle Krankheiten seien durch bestimmte Planetenstellungen beeinflusst. Seit dem 15. Jahrhundert wird dann der Name in einem engeren Sinn für eine seuchenhaft verlaufende Atemwegsinfektion des Menschen verwendet. Im Winter 1889/90 trat die Influenza im Kanton Uri kräftig auf und forderte in der Schweiz rund 3'000 Todesopfer. Im kantonalen Rechenschaftsbericht wurde die Opferzahl in Uri nicht in einer nüchternen Zahl aufgelistet, sondern das traurige Ereignis in eher poetische Worte gefasst: «Mit unheimlicher Geschäftigkeit bettete die tückische Influenza gar manchen Bewohner unseres trauten Heimathgaues zum langen Schlummer in der Erde kühlen Schooss.» Auch in den folgenden Jahren kehrte die Influenza über die kalte Jahreszeit wieder, jedoch nicht mehr in diesem Ausmasse.

Die grösste demografische Katastrophe
1914 traten die Staaten rund um die Schweiz in den Ersten Weltkrieg. Die Schweiz mobilisierte. Die wichtigsten Lebensmittel mit Ausnahme von Fleisch, Eiern und Gemüse, waren rationiert. Im Sommer 1918 starteten die Deutschen in Frankreich nochmals eine Grossoffensive, bevor sie von den Alliierten allmählich zurückgedrängt werden sollten. Es fielen noch unzählige Soldaten bis am 11. November endlich der Waffenstillstand eintrat. Der Völkermord kostete 17 Millionen Menschen (10 Millionen Soldaten und 7 Millionen unter der Zivilbevölkerung) das Leben. Im Sommer 1918 - gut vier Monate vor Kriegsende - bewahrheitete sich eine dunkle, weitverbreitete Vorahnung: Der jahrelange, entsetzliche Krieg würde auch ansteckende Krankheiten nach sich ziehen! Die Influenza sollte weltweit innerhalb eines Jahres zwischen 25 und 50 Millionen Menschen fordern. In der Schweiz waren rund 24'500 Todesopfer zu beklagen. Mit 0,62% der Bevölkerung stellte die Influenza die grösste demografische Katastrophe der Schweiz im 20. Jahrhundert dar.


Diese ausserkantonale Truppe wurde zur Bewachung einer Eisenbahnbrücke an der Gotthardstrecke eingesetzt. In einem Brückenbogen hat sie Küche und Esssaal eingerichtet. In der schweizerischen Presse wurden die zum Teil katastrophalen Unterkunfts- und Verpflegungsverhältnisse bei den im Feld stehenden Truppen hart kritisiert. Der Soldat mit - 10 - dem «Oltener Tagblatt» wollte wohl weniger auf diese Kritik als auf seine Herkunft hinweisen (Foto: Staatsarchiv Uri, Fotoarchiv Aschwanden, 230.02-BI-30943).

Militär und Fabrikarbeiter als erste Opfer
Aus Spanien, das am Weltkrieg nicht beteiligt war, wurden Ende Mai die ersten Grippefälle bekannt. Die Influenza erhielt mit einem spöttischen Unterton den Namen «Spanische Grippe». Kurz darauf trat die Influenza in Paris, an der flandrischen Küste und in Deutschland auf. Die Influenza wurde deshalb auch «Flandern-Fieber», «three-day fever» (Drei-Tage-Fieber) oder einfach «la grippe» genannt. Ende Juni 1918 traten die ersten Fälle im Kanton Uri auf: beim Personal und den Bewachungstruppen der eidgenössischen Munitionsfabrik sowie bei den in Altdorf stationierten Landsturmtruppen. Die «Gotthard- Post» berichtete, dass über 400 Arbeiter in der Munitionsfabrik krank seien und von der Bewachungsmannschaft 30% in den Krankenzimmern liegen. Heimgesucht wurde auch das Militär der Festungen in Andermatt. In einem Fort waren laut Zeitungsberichten 110 von 150 Mann krank. Matte Augen und Schwindelanfall mit Erbrechen würden in Erscheinung treten, so dass während der Mahlzeit Wehrmänner unter den Tisch fallen würden. Trotz den plötzlichen Massenerkrankungen vermeldeten die Urner Zeitungen, dass die Krankheit glücklicherweise auch hierzulande harmloser Natur zu sein scheint. In der «Gotthard-Post» versuchte man die Gefährlichkeit der «Spanischen» durch Galgenhumor herunter zu spielen: «Wer Kopfschmerz hat, wen der Magen plagt - wie das auch nach harmlosen Gelagen der Fall ist - der sieht sich bereits gepackt. Jede geringste Magenstörung - die in der Kriegsfutterzeit nichts Ungewöhnliches ist - wird 'spanisch' gedeutet und wo ein Hüstlein dazu tritt, macht man bereits das Testament.»

Das zweite Krankenlager wurde zum Sterbebett
Da die Epidemie in der Sommerzeit auftrat, wollten viele daraus schliessen, dass es sich nicht um die Influenza, sondern um eine neue, mit dem Kriege in Zusammenhang stehende Erscheinung handle. Das saisonal untypische Auftreten der Influenza war auch Grund dafür, dass anfänglich noch häufig die Meinung vertreten wurde, diese Krankheit wäre die Lungenpest. In den meisten Fällen sollte die Krankheit tatsächlich leicht verlaufen. Die Krankheit trat plötzlich mit starkem Fieber auf. Der fieberhafte Zustand dauerte meist zwei bis vier Tage an, war von Beschwerden in den oberen Luftwegen und oft von heftigen Magen-Darm- Störungen begleitet. Doch es sollte sich bald zeigen, dass in häufigen Fällen die Influenza schwere Komplikationen (Lungenentzündung) zur Folge hatte. Es war dies namentlich dort der Fall, wo die Patienten sich in der Rekonvaleszenz zu wenig schonten und schon nach kurzer Zeit wieder der Arbeit nachgehen wollten. Das zweite Krankenlager wurde in der Regel zum Sterbebett. Eine eigentümliche Erscheinung war, dass hauptsächlich jüngere, kräftige Leute im Alter von 20 bis 40 Jahren der Krankheit zum Opfer fielen.


Die Foto von Michael Aschwanden zeigt das idyllische Älplerleben. Das Leben in der Natur mit der frischen Luft galt als Sinnbild für Gesundheit. Im Alpsommer 1918 grassierte die Grippe jedoch vor allem auch in den Alphütten des Schächentals (Foto: Staatsarchiv Uri, Fotoarchiv Aschwanden, D 00194 / 85'326).

Noch nicht jeder Grippetod wird beim Namen genannt
Zwei Wochen später hatte die «Spanische Grippe» ihre Harmlosigkeit abgelegt. Die herrschende Influenza wurde vom Bundesrat zur gemeingefährlichen Epidemie erklärt. Das «Urner Wochenblatt» zitierte Schweizer Tageszeitungen, dass die Grippe bei den welschen Truppen wütete, aber auch bei der Zivilbevölkerung schon mehrere Opfer gefordert hätte. Unter den Diensttuenden der Armee forderte die Grippe bis zu 35 Todesopfer pro Tag und zwang die Armeeleitung zum Abbruch oder zur Verschiebung aller militärischen Schulen. In der zweiten Hälfte des Juli begann die Grippe die ersten Toten bei der Urner Zivilbevölkerung zu fordern. In Bürglen starben zwei junge Familienväter. Während im «Urner Wochenblatt» die beiden Todesfälle der Grippe zugeordnet wurden, meldete die «Gotthard- Post» aus dem Schächental noch gute Nachrichten über einen regen Fremdenverkehr und gutes Wachstum auf den Alpen. Die meisten Hotels seien besetzt und wo die Bauern auf die Alp gezogen waren, hätten sich Familien aus den Städten in ihren Häusern eingenistet. Die beiden danebenstehenden Todesmeldungen nannten die Todesursache noch «heimtückische Krankheit» oder liessen diese ganz weg. In der nächsten Ausgabe, wurden die Grippe bei den zahlreichen Toten im Schächental beim Namen genannt und gehofft, dass der älteste Urner (Föhn) sich bemerkbar mache und diese Pest aus dem Lande hinaustreibe.

Die «spanische» wurde zur «bösen» Grippe
In die Urner Zeitungen fand sich die Meldung, dass mehrere Soldaten in den Festungsanlagen in Andermatt starben. Gerüchte machten die Runde, wurden dementiert, ohne jedoch klärende genaue Zahlen zu liefern. Vor allem in Andermatt war man noch bemüht, die Grippe herunterzuspielen, um die durch den Krieg schon arg gebeutelte Hotellerie nicht noch mehr zu schädigen. Die ausgezeichnete Luft und das schöne Wetter hätten bisher das Urserntal von der unheimlichen Krankheit verschont. Die Krankheit verbreitete sich in den Sommermonaten epidemisch im Schächental bis hinüber auf den Urnerboden. Sie erreichte selbst die entlegendsten Alphütten. Die Grippe machte in der guten Luft nicht Halt. In Unterschächen waren bis Ende August 14 Grippeopfer (11 Erwachsene und drei Kinder) zu beklagen, so viele Tote wie sonst in einem ganzen Jahr! Die Angst ging nun um, die «spanische» wurde zur «bösen» Grippe und in den Todesmeldungen wurden düstere Zeiten heraufbeschworen. Die Krankheit mahne an den Pestsarg von Spiringen mit der Jahrzahl 1565 (heute im Historischen Museum Uri ausgestellt) oder an das Jahr 1629, als Unterschächen von einem schweren Lawinenunglück heimgesucht wurde.

Ein Riss klaffte zwischen den Eidgenossen
Aus bisher verschonten Gemeinden kamen nun die ersten Todesmeldungen. Die Pandemie traf zwar auf eine vom Krieg verschonte, jedoch keineswegs geeinte Schweiz. Es brodelte in der Arbeiterschaft, im Alltag brachten die Lebensmittelrationierungen und damit verbundene Gerüchte das Gefühl der ungerechten Behandlung durch den Staat. Der Zusammenbruch der Ersparniskasse Uri vor drei Jahren war noch in guter Erinnerung. Der Leitartikel im «Urner Wochenblatt» zum 1. August gab diese Stimmung wieder. Man habe nicht Grund, zu laut zu feiern, denn es sei schon die fünfte Bundesfeier, in deren Glockengeläute sich der Donner schwerer Kanonen von jenseits unserer Landesgrenzen mische. Ein tiefer Riss klaffe zwischen den Eidgenossen. Auf der einen Seite sei's die kalte Gier nach Geld und auf der anderen Seite der Hunger nach Brot, welche Schweizer und Schweizer auseinanderziehen. Dazu würden apokalyptische Reiter am Horizont auftauchen und mit planmässiger Bestimmtheit dem Weltkrieg den Welthunger und diesem die Weltepidemie folgen lassen. In den beiden Sommermonaten Juli und August starben in Uri zirka 50 Personen an der Grippe. Zwei Drittel der Opfer stammten aus dem Schächental. Dieser Umstand wurde mit den Wohnverhältnissen in den Alphütten sowie der mangelnden ärztlichen Versorgung erklärt. Während Ende August die Influenza in einigen Kantonen zurückging, dauerte sie in Uri vorerst unvermindert an.


Leichenzug in Altdorf mit den «Barmherzigen Brüdern» im Juni 1913. Fünf Jahre später musste das Trauer-Zeremoniell wegen der Ansteckungsgefahr stark eingeschränkt werden. Das Leichengebet hatte zu unterbleiben. Die Beerdigung war nach dem Verlauf von 24 Stunden so bald wie möglich vorzunehmen (Historisches Neujahrsblatt Uri 1922).

Ein grosser Sterbet ging durch die Gemeinde
Im Verlaufe des Septembers gingen die Grippefälle auch in Uri zurück, doch Mitte Oktober kehrte die Influenza zurück und legte an Stärke noch zu. Den höchsten Stand erreichte die Epidemie Ende Oktober 1918. Die zweite Welle traf auch die bisher glimpflich davon gekommenen Gemeinden. Aus den meisten Gemeinden waren nun Todesfälle zu vermelden. Betroffen wurde vor allem das Reusstal, die Arbeiter der elektrochemischen Werke in Gurtnellen sowie die Arbeiter zur Elektrifikation der Gotthardbahnstrecke. In Erstfeld hielt der unheimliche «Kriegsgast» fast in jedem Haus Einkehr, ganze Familien wurden betroffen. Während die Grippe im Sommer und Herbst den Älplern Unheil brachte, stieg sie nun zu Tale und grassierte in allen Dörfern. Die Korrespondenten waren bemüht, immer neue Worte für die schrecklichen Nachrichten zu finden. «Todesnachrichten ohne Ende! Ein grosser Sterbet geht durch die Gemeinde! Der Tod heischt immer neue Opfer! Die Totenglocken wollen nicht verstummen! Unser Totenregister will sich nicht schliessen!» Die Grippe wurde als grausam und unheimlich bezeichnet. Der Grippetod kam schnell und unverhofft, er riss ihre Opfer im blühenden Alter «aus sonnigem Familienkreise» - traf hoffnungsvolle Söhne und Töchter, die von Gesundheit strotzten: «Zwei Burschen, frisch und kräftig wie Bergtannen, sind da gefallen.» Einige Familien traf das Schicksal besonders hart, indem diese innerhalb weniger Tage mehrere Tote zu beklagen hatten.
Die Gemeinden wurden unterschiedlich stark betroffen: Während es in Bürglen innert einer Woche elf Grippetote gab, war in der Nachbargemeinde Schattdorf das erste Grippeopfer erst Ende November zu beklagen. Der Allerseelentag am 2. November bekam noch grössere Bedeutung, das «Urner Wochenblatt» fragte: «War je ein Allerseelentag wie der von 1918? Gab's je einmal so unnennbar grosses Leid über frischen Gräbern? Wann haben je einmal so viele wunde Herzen in jähem Schmerz gezuckt, so viele Augen heisse Tränen geweint wie heute? Ach, wie viele schwarze Kreuze hat er in der Heimat und Fremde aufgerichtet der schwarze Todesengel?»

Kriegsende und Generalstreik
Der Montag, 11. November 1918, war ein bewegter Tag in einem bewegten Jahr! 11 Uhr morgens wurde an der Westfront der Kampf eingestellt. Dies bedeutete angesichts der Zerrüttung Deutschlands das Ende des Ersten Weltkrieges. Die Freude über dieses Ereignis hielt sich jedoch hierzulande in Grenzen. Die vergangenen Wochen waren in der Schweiz geprägt von einer aufgeheizten, fast bürgerkriegsähnlichen Stimmung. Seit Mitternacht stand die Arbeiterschaft im Landesgeneralstreik. Auf Befehl des Bundesrates marschierten zusätzliche Truppen gegen die streikenden Arbeiter auf. Jetzt, wo der Weltkrieg fertig war, wurden in der Schweiz die Armee gegen die eigenen Leute eingesetzt. In Uri wurden die Industriebetriebe und die grösseren Unternehmen bestreikt. Die Regierung stellte «Ordnungstruppen» gegen die Streikenden auf. Das «Urner Wochenblatt» äusserte angesichts dieses Ereignisses zum Kriegsende nur gedämpfte Freude: «Hätten nicht gleichzeitig die Sturmglocken und die Wirren der Revolution unser Land mit ihrem Lärm erfüllt, so wäre der denkwürdige Augenblick zweifellos durch eine allgemeines Friedensgeläute gefeiert worden.»
Nach zwei Tagen wurde der Streik abgebrochen. Arbeiterschaft und Bürgerblock schoben sich gegenseitig die Schuld an den Hunderten von grippetoten Soldaten zu. In der Urner Presse wurden vier Todesfälle mit dem Streik in Verbindung gebracht. In Unterschächen wollte ein Bauersohn, dessen Vater zum Landsturm aufgeboten wurde, nicht mehr länger müssig im Bett bleiben und besorgte das Vieh. Ihn erreichte der Grippetod wie den Landsturmsoldaten aus Spiringen, der dem Aufgebot nach Altdorf krank Folge leistete. Das nach Altdorf berufene welsche Bataillon hatte zudem zwei Grippetote zu vermelden. Mit militärischen Ehren wurden die Soldaten zum Bahnhof Altdorf zur letzten Fahrt begleitet. 1918 ging als schlimmes Jahr in die Geschichte ein. Das «Urner Wochenblatt» zog traurige Bilanz: «Wie ein trüber, reissender und schäumender Strom ist das Jahr 1918 in den Ozean der Zeiten eingemündet. Viel Unheil haben seine überschwemmenden Fluten über die Menschheit gebracht. Man wird es mit Grauen und Entsetzen Kind und Kindeskind erzählen, was Schreckliches an dieser Jahrzahl haftet.»

Behördliche Massnahmen
Die Ausbreitung und Heftigkeit der Grippe hatten eidgenössische und kantonale Behörden zu Massnahmen gezwungen. Es wurden Hygienevorschriften und Verhaltensmassregeln erlassen. In einer grossen Zahl von Exemplaren wurde eine Anleitung über Bekämpfung und Behandlung der Grippe verbreitet. Darin wurde empfohlen, das Bett aufzusuchen und dieses nicht zu verlassen, bevor das Fieber wenigstens einen Tag lang ausgeblieben sei. Da bei Beginn der Krankheit vernachlässigte Fälle nicht selten einen schlimmen Ausgang nahmen, wurde geraten, rechtzeitig einen Arzt bei zu ziehen. Es bestand zudem eine Anzeigepflicht. Besuche bei an Influenza Erkrankten wurden verboten und ein Versammlungs- und Vergnügungsverbot erlassen. Vorschriften im Amtsblatt, wie die Verstorbenen einzusargen wären und wie gross die Gräber sein müssten, sollten eigentlich die Gefährlichkeit der Grippe allen vor Augen führen. Trotz aller Mahnungen und schlimmen Erfahrungen wurden die gegen die Verbreitung der Krankheit erlassenen behördlichen Massnahmen nicht oder nur ungenügend beachtet und befolgt. Die Sanitätsdirektion stellte zudem fest, dass es stets Leute gebe, welche meinen, gegen jede Krankheit gefeit zu sein, keine Vorsicht beobachten und keine Rücksicht auf ihre Mitmenschen nehmen zu müssen und diese dadurch nicht wenig zur Verbreitung ansteckender Krankheiten beitragen würden. Grippekranke, Grippeverdächtige und Genesende sowie Personen, in deren Familie oder Haus Grippe herrschte oder welche Grippekranke verpflegten, waren verpflichtet, Kirchen, Schulen, Wirtshäuser, Versammlungsorte, Fabriken, und dergleichen fernzubleiben und die Strassenbahn nicht zu benutzen. Kinder, die grippekrank waren oder Kinder aus Familien, in denen die Grippe herrschte, durften die Schule erst wieder auf ärztliches Gutachten hin besuchen. Die Schulkinder waren von der Lehrerschaft zur Reinlichkeit, besonders zum Waschen der Hände und des Gesichts anzuhalten.


Lazarett im Winkel während der Zeit des Ersten Weltkrieges! Dieses dürfte wohl zu Übungszwecken eingerichtet worden sein, wenn die Schweiz in das Kampfgeschehen involviert worden wäre. Dass ein solches Lazarett während der Grippepandemie benutzt worden wäre, hierfür finden sich keine Hinweise (Staatsarchiv Uri, P-53 Fotoarchiv von Matt, Schachtel 5).

Die Forderung eines Absonderungshauses
Mit den Todesfällen baute sich auch Kritik an den Behörden auf. «Einer im Namen Mehrerer» bemerkte in einer Einsendung, dass man fast ohnmächtig zusehen müsse, wie die blühendsten Menschenleben in wenigen Stunden geknickt würden. Bei der Hilfe und beim Schutz happere es entschieden bei den örtlichen und lokalen Behörden. Mit sentimentalen Gefühlserlassen und nachkopierten Aufrufen sei es nicht getan. Es sei nun endlich an der Zeit, die Frage eines Absonderungshauses endgültig und befriedigend zu lösen. Nicht einmal das Kantonsspital, besitze einen Absonderungsraum für epidemische Krankheiten. Es wurden zudem strengere hygienisch-sanitäre Massnahmen sowie die Bildung spezieller lokaler Kommissionen gefordert.

Vom Bienenhonig bis zum «Grippgargarisan»
Es fehlte nicht an amtlichen Mitteilungen, wie man sich im Krankheitsfalle zu verhalten habe. Es wurde empfohlen, Knoblauch oder eine Zwiebel in den Mund zu nehmen, rechtzeitig zu schwitzen, keine festen Speisen zu nehmen, abwechselnd fleissig Tee und Milch zu trinken, zur Eindämmung der Fieber warme Brust- und Fusswickel zu machen und für stete Warmhaltung des Körpers zu sorgen. Inserate in den Urner Zeitungen versprachen Heilung. Carbol oder Lysol-Seifen zur Vorbeugung vor Influenza waren in allen Drogerien vorrätig. Zur Bekämpfung der «Spanischen Grippe» pries die Schwanen-Apotheke «Grippsanol» in Verbindung mit «Grippgargarisan» an. Daneben wurden aber auch Naturheilmittel gepriesen. Käuterpfarrer Johann Künzle empfahl einen Kräutertee mit Salbei und Wermuthkraut. Es wurde auch Bienenhonig wegen seines Gehaltes an Ameisensäure als Vorbeugungs- und Heilmittel gegen die Grippe empfohlen. Bei Erkrankungen von Familienangehörigen fand die Pflege ausschliesslich zu Hause und in der Grosszahl der Fälle ohne Beizug eines Arztes statt. Bei erkrankten, alleinstehenden Personen erfolgte in ernsteren Fällen die Evakuierung ins Kantonsspital. In mehreren Gemeinden machte sich starker Mangel an Pflegepersonal und Absonderungsräumlichkeiten bemerkbar. Dies war besonders in den Orten des Reusstales mit grosser Arbeiterzahl der Fall. Grosse Arbeit leisteten nebst den Familienangehörigen die Mitglieder der Samaritervereine.

Jäger habe einzurücken!
Prekär wurde im Oktober die ärztliche Versorgung. Allein in diesem Monat liessen sich in Uri knapp 1'200 Personen wegen der Grippe ärztlich behandeln. Jedoch auch die Armee hatte zahlreiche Kranke, die dringend auf ärztliche Behandlung angewiesen waren. In Uri gab es neun patentierte Ärzte, fünf in Altdorf, zwei in Erstfeld und je einer in Göschenen und Andermatt. Im Oktober 1918 wurde der Erstfelder Arzt Walter Jäger zum Ablösungsdienst aufgeboten. Er richtete ein Schreiben an die Sanitätsdirektion und schilderte die Situation im mittleren Reusstal. Die Grippe habe nun speziell die hochgelegenen Höfe heimgesucht und dass nur zwei Ärzte die Kranken dieser Bergheimet besorgen können. Die Sanitätsdirektion stellte ein Gesuch an den Armeearzt um Dispensation und schilderte die prekäre Situation. Auf die drei Ärzte im mittleren Kantonsabschnitt sei man dringend angewiesen. Die ablehnende Antwort folgte telegrafisch: Jäger habe einzurücken, eine Dispensation sei unmöglich. Die Armee habe 1'800 Grippekranke. Die Armee brauche ihre Sanitäts-Offiziere von denen man viel zu wenig habe. Für Jäger gebe es keinen Ersatz. Die Sanitäts- Direktion müsse im Kanton selbst sorgen durch Verteilung der Ärzte, die gerade in Uri naturgemäss für gewöhnliche Zeiten auf wenige Ortschaften konzentriert seien. Man nehme Rücksichten so viel wie möglich!


Festlicher Empfang des Bataillons 87 in Altdorf nach zehn Monaten Aktivdienst im Mai 1915. In der Schlussphase des Ersten Weltkrieges wurden solche Anlässe mit Menschenansammlungen wegen der «Spanischen Grippe» untersagt und später von einer Bewilligung abhängig gemacht (Foto: Staatsarchiv Uri, Fotoarchiv Aschwanden, 230.02-BI- 30908).

Keine Zeit für statistische Meldungen
Im Auftrag der Sanitätsdirektion untersuchte Dr. Ernst Müller die Verhältnisse in Amsteg. Eine Ursache der starken Verschleppung sah er darin, dass die Bauunternehmung ihre Arbeiter in ganz Amsteg zerstreut untergebracht hatten. Die Häuser der Ortschaft waren zudem nahe aneinandergebaut. Ein zusätzliches Problem war, dass die Arbeiter keine Angehörigen zu ihrer Pflege hatten, die schweren Fälle wurden ins Kantonsspital evakuiert. Besondere Massnahmen erachtete Dr. Müller nicht als nötig. Je rascher die Grippe in Amsteg um sich greife, umso rascher werde sie dort wieder erloschen, und das Endresultat werde wohl kein schlimmeres sein als in anderen Gemeinden. Dass übrigens die sämtlichen Vorsichtsmassregeln gegen die Ausbreitung dieser Epidemie versagen würden, zeige am besten Zürich, wo in kurzer Zeit 20'000 Fälle, also 10 % der Bevölkerung, auftraten. Laut Bundesratsbeschluss musste ab Mitte Oktober jeder Grippekranke mit Angabe von Namen, Adresse, Alter und Geschlecht ans eidgenössische Gesundheitsamt gemeldet werden. Bereits einen Monat später widerrief das Gesundheitsamt die Forderung, da es den Ärzten schlicht unmöglich war, neben der grossen Arbeitsbelastung auch noch wöchentlich einen detaillierten Bericht für Bern zu verfassen.

Eine schwierige Zeit für die Krankenkassen
Die Krankenkassen kamen durch die Grippeepidemie in arge finanzielle Schwierigkeiten. Bund und Kantone wurden um finanzielle Unterstützung angegangen. Die Beiträge mussten erhöht und auf den Reservefonds gegriffen werden. Viele Urnerinnen und Urner gehörten noch keiner Krankenkasse an. In den Urner Zeitungen wurde die Hoffnung geäussert, dass nun auch in Uri den noch nicht Versicherten die Augen aufgehen und dass sie sich entschliessen würden, in eine Kasse einzutreten. Auch die örtlichen Krankenunterstützungsvereine hatten ein schwieriges Jahr mit grossen Mehrausgaben.

220 Grippetote in Uri
Im Februar 1919 stellte man fest, dass die böse «Spanische» das Feld so ziemlich geräumt habe. Die Fasnacht stand vor der Tür! Der Regierungsrat machte das anfängliche generelle Tanzverbot rückgängig und erlaubte das Tanzen wenigstens am Gidelmändig. Mitte Mai traten zwar noch einmal vereinzelte Grippefälle auf, das schlimmste war jedoch überstanden und der Bundesrat hob die Beschlüsse zur Bekämpfung der Influenza auf. Zwei Millionen Menschen erkrankten an der «Spanischen Grippe». In Uri gab es 1918 2'578 gemeldete Grippe-Patienten. Die Statistik der ärztlichen Behandlungen erzählt jedoch nur die halbe Wahrheit. Viele Grippekranke gingen gar nicht zum Arzt, bei kinderreichen Familien beschränkte man die ärztliche Behandlung auf die ein bis zwei schwersten Fälle. Gemäss «Gotthard-Post» wurde im Herbst 1918 in den meisten Gemeinden über ein Viertel der Bevölkerung (24'000) von der Seuche ergriffen. Zwischen Juli 1918 und Juni 1919 waren schweizweit 24'449 Todesopfer zu beklagen. Nach den Erhebungen bei den Zivilstandsämtern bezifferte sich die Zahl der Grippesterbefälle im Kanton Uri auf 220. Mit 0,91% lag die Sterblichkeit an der Grippe in Uri über dem schweizerischen Durchschnitt (0,62%).

Autor: Rolf Gisler-Jauch, Altdorf; Siehe auch: Urner Wochenblatt Nr. 99 / 2009.

EREIGNISSE IM DETAIL

1918  / Samstag, 6. Juli 1918
Spanische Krankheit in Uri
Das "Urner Wochenblatt" berichtet, dass in Uri massenhaft Fälle der "Spanischen" Krankheit auftreten. Die Krankheit mit Schwindelanfällen, Erbrechen und hohem Fieber war zuerst in Spanien aufgetreten, dehnte sich dann über Frankreich auch in die Schweiz aus.
UW 27, 6,7,1918
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1918  / Dienstag, 16. Juli 1918
Massnahmen wegen der spanischen Grippe
Auf Grund der sich mehrenden Fälle der spanischen Grippe verbietet der Regierungrat Veranstaltungen mit grossen Menschenansammlungen wie Kinovorführungen, Theater oder Konzerte. Ausgenommen von dem Verbot bleiben vorerst die Gottesdienstfeiern, die Schulen und die Gemeindeversammlungen. Schulen, wo Krankheitsfälle auftreten, sind vom Schulrat für 14 Tage zu schliessen. Am meisten betroffen sind vorerst die Gotthard-Truppen. Es sind auch bereits Todesfälle zu beklagen.
UW 30, 27.7.1918
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1918  / Samstag, 3. August 1918
Die Flucht in die Berghotels
Aus der Angst vor der Grippe begeben sich viele Städter in die Höhenkurorte der Urschweiz, in Uri nach Seelisberg, ins Maderanertal und ins Schächental.
UW 31, 3.8.1918
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1918  / Samstag, 17. August 1918
Verschärfte Bestimmungen gegen die spanische Krankheit
Angesichts der vielen Todesfälle erlässt der Regierungsrat verschärfte Bestimmungen zur Bekämpfung der spanischen Grippe. Jede Krankheit und jeder Sterbefall an Grippe ist unverzüglich dem Gemeindepräsidenten zu melden. Krankenbesuche bei an Influenza erkrankten Personen ist verboten. Grippekranke sollen in ein eigenes Zimmer gebracht werden. Wer die ersten Krankheitszeichen spürt, begebe sich sofort zu Bette, trinke viel Lindenblütentee oder warmes Wasser mit Milch und Zucker, decke sich gut zu um zu schwitzen und verlasse das Bett nicht, bevor das Fieber mindestens einen Tag ausgeblieben ist. Es werden zudem Vorschriften hinsichtlich der Hygiene und der Beerdigung gemacht.
UW 34, 24.8.1918
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1918  / Samstag, 21. September 1918
53 Grippetote
Innerhalb von zwei Monaten (Juli und August) sterben in Uri 53 Personen an der spanischen Grippe (Bürglen 13, Unterschächen 11, Spiringen 10, Erstfeld und Flüelen je 4).
UW 38, 21.9.1918
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1919  / Mittwoch, 31. Dezember 1919
Bilanz der Grippe 1918 / 1919
Die Grippe sucht vom Juni 1918 bis Juni 1919 auch den Kanton Uri heim. Die Krankheit, welche anfänglich noch scherzhaft als "Spanische Grippe" bezeichnet wird, tritt in Uri als Epidemie zuerst beim Personal der Munitionsfabrik und bei den in Altdorf stationierten Landsturmtruppen auf. Die Krankheit findet jedoch ihren Weg in die entlegendsten Berg- und Alphütten. Den höchsten Stand erreicht die Grippe im Oktober 1918. Die ganz unvollständige Mitteilungen der Ärzte betrug die Zahl der ärztlich behandelten Fälle im August 125, im September 326, im Oktober 1192, im November 774 und im Dezember 161 Fälle. In den meisten Fällen verläuft die Krankheit bei entsprechendem Verhalten ohne schwere Komplikationen. Lungenentzündungen treten jedoch vor allem dort auf, wo die Patienten schon nach wenigen Tagen wieder der Arbeit nachgehen wollen. Eine eigentümliche Erscheinung ist, dass die Krankheit hauptsächlich jüngere Leute im Alter von 20 bis 40 Jahren ergreift und es vielfach junge, kräftige Männer sind, die der Krankheit zum Opfer fallen. Die Zahl der Todesfälle ist schwer festzustellen. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl ist sie aber eine bedauerlich grosse. Nach den Erhebungen bei den Zivilstandsämtern beziffert sich die Zahl der Grippesterbefälle im Kanton auf 220. Bei Erkrankungen von Familienangehörigen fand die Pflege fast ausschliesslich zu Hause und in der Grosszahl der Fälle ohne Beizug eines Arztes statt. Bei erkrankten, alleinstehenden Personen erfolgte bei ernsteren Fällen die Evakuierung ins Kantonsspital. In mehreren Gemeinden machte sich starker Mangel an Pflegepersonal und Absonderungsräumlichkeiten geltend.
RschB 1918/1919, S. 120 f.
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EPIDEMIEN, KRANKHEITEN

Epidemien, Krankheiten
Spanische Grippe (1918)
Das Corona-Virus COVID 19

GESUNDHEIT

Allgemeines
Gesundheitswesen
Sucht und Prävention
Todesursachen
Spitäler in Uri
Kantonsspital Uri
Sanitätspersonal
Ambulanzen
Krankenversicherungen
Gesundheitsvereine
Der sagenhafte Körper
Volksmedizin

 

 

 

 

Texte und Angaben: Quellenverweise und Rolf Gisler-Jauch / Angaben ohne Gewähr / Impressum / Letzte Aktualisierung: 29.02.2020